EthikJournal

Andreas Lob-Hüdepohl (Berlin) Regina Schwichtenberg (Berlin)

Editorial

Als zum Sommersemester 1996 in Berlin die erste eigenständige Professur für Ethik in der Sozialen Arbeit besetzt wurde, umfasste die Denomination auch einen Bereich, von dem der Frischberufene – er zeichnet zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am ICEP, Regina Schwichtenberg, für das vorliegende EthikJournal die konzeptionelle Verantwortung – eine eher nur vage Vorstellung hatte: „Ökotheologie”. Zwar hatte er sich mit seinem Bewerbungsvortrag zum Thema „Alltägliche Lebensstile – eine Problemanzeige für die ökologische Diskussion Sozialer Arbeit in einer Überflussgesellschaft” offensichtlich auch in dieser Hinsicht als ausreichend kundig und qualifiziert erwiesen. Gleichwohl war die aus-drückliche Einbeziehung ökologischer Fragen in das Themenspektrum einer Ethik Sozialer Arbeit doch eher ungewohnt und – wie nicht zuletzt das Stichwort – „Ökotheologie” in der Fachcommunity Sozialer Arbeit noch erklärungsbedürftig. Daran änderte auch nichts die Tatsache, dass mit dem ökosozialen Ansatz von Wolf R. Wendt (ders. 1990) bereits wichtige Impulse für eine ökologisch sensible Soziale Arbeit vorlagen und etwa Silvia Staub-Bernasconi (1989) schon damals den Beginn sozialökologischen Denkens in der Sozialen Arbeit mit dem Wirken von Jane Addams um das Jahr 1900 terminiert hatte.

Als zum Sommersemester 1996 in Berlin die erste eigenständige Professur für Ethik in der Sozialen Arbeit besetzt wurde, umfasste die Denomination auch einen Bereich, von dem der Frischberufene – er zeichnet zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin am ICEP, Regina Schwichtenberg, für das vorliegende EthikJournal die konzeptionelle Verantwortung – eine eher nur vage Vorstellung hatte: „Ökotheologie“. Zwar hatte er sich mit seinem Bewerbungsvortrag zum Thema „Alltägliche Lebensstile – eine Problemanzeige für die ökologische Diskussion Sozialer Arbeit in einer Überflussgesellschaft“ offensichtlich auch in dieser Hinsicht als ausreichend kundig und qualifiziert erwiesen. Gleichwohl war die ausdrückliche Einbeziehung ökologischer Fragen in das Themenspektrum einer Ethik Sozialer Arbeit doch eher ungewohnt und – wie nicht zuletzt das Stichwort – „Ökotheologie“ in der Fachcommunity Sozialer Arbeit noch erklärungsbedürftig. Daran änderte auch nichts die Tatsache, dass mit dem ökosozialen Ansatz von Wolf R. Wendt (ders. 1990) bereits wichtige Impulse für eine ökologisch sensible Soziale Arbeit vorlagen und etwa Silvia Staub-Bernasconi (1989) schon damals den Beginn sozialökologischen Denkens in der Sozialen Arbeit mit dem Wirken von Jane Addams um das Jahr 1900 terminiert hatte.

Das hat sich in den zurückliegenden Jahren auch in der Sozialen Arbeit gründlich geändert. Fragen der nachhaltigen Entwicklung oder des sozialökologischen Umbaus der Gesellschaft sind in der Sozialen Arbeit mehr oder minder fest verankert. Zwar findet sich – soweit ersichtlich – nirgends mehr das Stichwort „Ökotheologie“, das für die Verantwortung auch Sozialer Arbeit für die „Bewahrung der Schöpfung“ stehen sollte, was ja nicht zuletzt auch die nachhaltige und darin lebensdienliche Gestaltung menschlicher Verhältnisse zur mitlebenden und umgebenden Natur umfasst – und zwar um – wenn das biblische Narrativ erlaubt ist – der ganzen Schöpfung willen.

Spätestens seit der „Klima-Krise“ und der aufkommenden „Fridays-for-Future“-Bewegung ist die Notwendigkeit eines sozialökologischen Umbaus der Gesellschaft weithin anerkannt. Freilich offenbart die sogenannte Klima-Krise keinesfalls nur ein Fehlverhalten im Bereich der nichtnachhaltigen Verwendung stofflicher Ressourcen – hier also der Eintrag von gasförmigem Kohlendioxid, das bei der Verbrennung fossiler Stoffe entsteht und nicht ausreichend durch sogenannte Senken oder durch Wachstum von Bäumen und Pflanzen erneut gebunden wird. Sondern sie offenbart insgesamt „gesellschaftliche Naturverhältnisse“, die die natürlichen wie sozialen Grundlagen der menschlichen Weltgesellschaft zu zerstören drohen. Darin liegt ihre besondere Brisanz auch für die Soziale Arbeit.

Als „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ (Becker/Jahn 2006, 26) werden jene Beziehungen verstanden, die zwischen der Art und Weise der Indienstnahme natürlicher Ressourcen durch gesellschaftliche Gruppen oder ganze Gesellschaften auf der einen Seite und deren Rückwirkung auf die regionalen, nationalen wie globalen sozialen Verhältnisse auf der anderen Seite bestehen: Die Art und Weise beispielsweise, wie für einen bestimmten Konsumstil digitaler Produkte (Handys, Notebooks usw.) im globalen Süden bestimmte Rohstoffe („seltene Erden“ usw.) kostengünstig gewonnen werden müssen, führt nicht nur zur Ausplünderung von nur begrenzt zur Verfügung stehenden Rohstoffen, sondern auch zu teilweise katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen in den betreffenden Ländern – mit den entsprechenden Rückwirkungen auf die Länder des globalen Nordens, die sich etwa in armutsassoziierten Migrationsbewegungen bemerkbar machen.

Sozialökologische Transformationsprozesse umfassen ein breites Spektrum von Handlungsbedarfen und Maßnahmen, um die Gesellschaften umfassend nachhaltig umzubauen. Neben geeigneten Förderungspolitiken für die nachhaltige, also dauerhaft-belastbare Produktion und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen, sowie neben einem gesetzlichen Rahmen für ein nachhaltiges Mobilitäts- oder Nahrungsverhalten stehen im Mittelpunkt sozialökologischer Transformationen die Überwindung imperialer Lebensstile, die den Raubbau an den natürlichen wie sozialen Ressourcen der Menschheit vorantreiben. „Imperiale Lebensstile“ verkörpern persönliche wie gesellschaftliche Muster der Produktion wie des Konsums bestimmter Güter, die sich an bestimmten Leitbildern eines erstrebenswerten und gelingenden Lebens orientieren (vgl. Brand/Wissen 2015). Imperiale Lebensstile sind darin imperial, dass sie erfolgreich einen Hegemonialanspruch durchsetzen können, der sie in den Status einer faktisch allseits akzeptierten Leitoption für gutes Lebens erhebt. Allseits akzeptiert sind sie, weil sie Erreichbarkeit für alle versprechen und damit gleichsam universale Sehnsüchte bedienen. Genau darin leiden sie aber an einem Selbstwiderspruch: Sie beinhalten nämlich einen Umgang mit sozialen und ökologischen Ressourcen, der schon deshalb nicht universalisierbar ist, weil die Gewinne für die einen (vorrangig im globalen Norden) durch die sozialen wie ökologischen Verlustseiten der anderen (vorrangig globaler Süden) erkauft werden. Darin bergen sie fundamentale soziale Spaltungen.

Sozialökologische Transformationen verkörpern unverkennbar normative Optionen (vgl. Vogt 2021): Ökologisch kennzeichnet die normative Option einer nachhaltigen, also dauerhaft-belastbaren Nutzung natürlicher Ressourcen einschließlich der Vermeidung negativer Folgen für das gesamte Ökosystem. Die Ausbeutung und Nutzung begrenzt zur Verfügung stehender fossiler Brennstoffe mag zwar durch ihre Substitution durch erneuerbare Energie für sich genommen hinnehmbar sein. Insofern sie aber schon jetzt erheblich zur globalen Erwärmung beitragen, schädigen sie schon jetzt und vermehrt in der Zukunft die Lebensbedingungen vieler Menschen gravierend. Insofern können sie trotz ihrer schrittweisen Substitution durch erneuerbare Energien niemals ökologisch sein. Sozial kennzeichnet die normative Option einer sozialen Gerechtigkeit im weltweiten Maßstab und im zukünftigen Zeithorizont: Die Nutzungsweisen wie Lebensstile müssen darin ihre Nachhaltigkeit unter Beweis stellen, dass sie prinzipiell verallgemeinerbar sind im Hinblick auf die derzeit wie zukünftig lebende Weltbevölkerung. Sie müssen also vor dem Kriterium der internationalen wie der intergenerationalen Gerechtigkeit bestehen können.

Dies alles ist Grund genug, das Verhältnis zwischen der sozialökologischen Transformation und der Sozialen Arbeit wenigstens in einigen Punkten genauer zu beleuchten. Das leisten aus unserer Sicht die Beiträge dieser Ausgabe hervorragend:

In einem politikwissenschaftlichen Grundlagenartikel beleuchtet Markus Wissen den Befund einer gegenwärtigen globalen ökologischen Krise unter dem Blickwinkel einer intersektionalen Perspektive und legt dabei den Fokus auf den sozialen Gehalt dieser Krise. Eben diese sozialen Dimensionen nehmen die gegenwärtigen, überwiegend umweltwissenschaftlichen Beiträge zur Transformationsforschung demnach als für die Krise mit ursächliche Verhältnisse zu wenig in den Blick – und können sie vielleicht gar nicht umfassend in den Blick bekommen, denn: „Problembeschreibungen sind nie nur Beschreibungen. Sie besitzen vielmehr immer auch eine implizite Normativität und gestalten den Korridor mit, in dem nach Problemlösungen gesucht wird. Insofern macht es einen Unterschied, ob ‚die Menschheit‘ bzw. das Abstraktum ‚Mensch‘ für die ökologische Krise verantwortlich zeichnet […], oder ob die Verantwortung in den gesellschaftlichen Verhältnissen zu suchen ist, die einem selbst- und naturzerstörerischen menschlichen Handeln Vorschub leisten“ (Wissen 2021, 4, Hervorh. durch den Autor). Wissen zufolge berücksichtigt eine problemadäquate Transformationsperspektive die den sozialökologischen Herausforderungen zugrundeliegenden und miteinander verschränkten gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Auf politischer Ebene impliziert sie dann, dass Wirtschaft und Gesellschaft aus der Perspektive der Sorge und Infrastrukturversorgung zu entwerfen und zu gestalten sind. In radikaldemokratischer Weise sind dabei alle, die von den Auswirkungen einer Entscheidung betroffen sind, gleichberechtigt am dahin führenden Entscheidungsprozess zu beteiligen.

Ganz ähnlich wie auch Markus Wissen unterstreicht Davide Brocchi in seinem Beitrag die Bedeutung von lokalen Maßstäben und Strukturen für die Ausgestaltung einer Großen Transformation [1] , die ihm zufolge kurz bevor steht oder gar bereits in vollem Gange ist. Er charakterisiert eine sozialökologische Transformation als einen gestalt-baren Prozess, der unter einer globalen Perspektive und einem systemischen Ansatz folgend Lösungen für die bekannten Probleme der gegenwärtigen „Multiplen Krise“ (Brand 2009) hervorbringt – und genau deswegen als Demokratisierungsprozess und aus dem Lokalen heraus zu verstehen und gestalten ist: „[D]er systemische Ansatz in Verbindung mit der globalen Perspektive bringt eine Komplexität mit sich, die ein kognitiv und physisch begrenztes Wesen wie den Menschen schnell überfordern kann, und zu einem Gefühl der Ohnmacht und der Lähmung führt. Eine Transformation by design muss dem menschlichen Maß entsprechen, um Bürger:innen und Institutionen handlungsfähig zu machen“ (Brocchi 2021, 3). Vor diesem Hintergrund weist der Autor Städten als Ballungsräumen, die alle Dimensionen der Nachhaltigkeit (ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle) abbilden, und gleichzeitig eine hohe Identifikationskraft für ihre Bürger:innen besitzen, sowie der Stadtentwicklung eine besondere Rolle in der Transformation zur Nachhaltigkeit zu. Eine nachhaltige Stadtentwicklung charakterisiert sich sodann – im Gegensatz zu den Gestaltungslogiken der Modernisierung – durch ein Gesellschaftsmodell, das auf Solidarität und Gerechtigkeit, Partizipation, Gemeinwesen und kultureller Vielfalt basiert und aus dem Lokalen heraus entwickelt wird.

Auch der Beitrag von Michelle Becka [2] fokussiert die besondere Rolle von Städten in Hinblick auf ihre lokale und globale Verantwortung für nachhaltige Entwicklung, Klimagerechtigkeit, gesellschaftliche Integration und transnationale Solidarität. Da Nachhaltigkeitsfragen eng mit Gerechtigkeitsfragen verknüpft sind, plädiert Becka in ihrem Beitrag für eine Verschränkung von ökologischer und sozialer Verantwortung und zwar mit lokaler und globaler Reichweite. Ihr Beitrag führt exemplarisch aus, wie der Fokus auf den Sozialraum auch für die Soziale Arbeit einen direkten Bezug zu Fragen der Nachhaltigkeit herstellt, denn „[d]er Nahraum macht ökologische Fragen greifbar, und die ökologische Gestaltung des Nahraums schafft umgekehrt Lebensqualität“ (Becka 2021, 8). Die Darstellung von Aktivitäten von Städtenetzwerken wie etwa dem Klima-Bündnis illustriert beispielhaft, wie Städte ihrer doppelt verschränkten lokalen und globalen Verantwortung für ökologische und soziale Fragen der Nachhaltigkeit nachkommen können. Insofern können Städte als eigenständige Akteurinnen durch ihre Vernetzung überregional politische Transformationsprozesse einleiten.

Thomas Steinforth unterzieht in seinem Beitrag den Topos der sozialökologischen Transformation einer Prüfung des deskriptiven und vor allem auch normativen Gehalts seines doppelten Charakters als sozialökologisch. Mit seiner ethischen Analyse macht er vor allem die auch prozessoralen Fragen deutlich, auf die es bei der Gestaltung einer sozialökologischen Transformation Antworten zu finden gilt. „Wer eine sozial-ökologische Transformation zu gestalten versucht, muss […] Antwort auf die Frage geben können: Was genau soll auf der Ebene von Strukturen und Institutionen, aber auch auf der Ebene von gesellschaftlich-kulturellen Leitbildern und individuellen Lebensstilen aus welchen Gründen mit welchem Ziel und auf welchem Wege trans-formiert werden – und welche legitimen Ansprüche und Verpflichtungen für wen gehen damit einher?“ (Steinforth 2021, 2f.) Ziel einer sozialökologischen Transformation ist es demnach, Bedingungen zu schaffen, die es allen Menschen weltweit und auch in Zukunft ermöglichen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Ein dafür notwendiges, jedoch nicht hinreichendes Mittel ist die Bewahrung des Ökosystems vor weiterer Übernutzung. Darüber hinaus ergeben sich jedoch bei der Konkretisierung der genannten Zielerreichung eine Reihe Fragen. Diese sind unter anderem (sozial-) politischer, ökonomischer und technologischer Natur und implizieren vielfach Gerechtigkeitsfragen, wie bspw. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der Beteiligung und Mitwirkung, Fragen globaler und intergenerationeller Gerechtigkeit oder Fragen der Verteilung von Lasten und Kosten der Transformation. Die Antworten auf diese Fragen können – dies ist mit den Worten Steinforths selbst von ethischer Relevanz – nicht einem Expert:innenwissen folgend gegeben werden, sondern müssen im Sinne prozessoraler Gerechtigkeit unter Berücksichtigung der Perspektive ohnehin benachteiligter Gruppierungen gesellschaftlich und politisch ausgehandelt werden.

Zwei weitere Beiträge nehmen schließlich konkrete Arbeitsfelder und Herausforderungen Sozialer Arbeit unter professionstheoretischer und professionspolitischer Perspektive in den Blick. Christiane Bomert analysiert die Situation osteuropäischer Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten in Deutschland als Phänomen der überproportionalen und privilegierten Ausbeutung von Arbeitskraft auch im Sinne eines Abgrenzungsmerkmals zwischen einer globalen Mittel- und Oberschicht. Begünstigt wird dieses Phänomen durch verwurzelte Denkmuster, vorhandene Infrastrukturen und politische Rahmenbedingungen, die letztlich zur Festigung des darauf aufbauenden gegenwärtigen Pflegesystems in Deutschland beitragen und einem umfassenden Wandel des Sorgesystems im Sinne einer sozialökologischen Transformation entgegenstehen. Für die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession ergeben sich laut Bomert mit Blick auf die prekäre Arbeitssituation migrantischer Care-Arbeiterinnen Handlungsbedarfe auf konzeptioneller und auf professionspolitischer Ebene: Beratungs- und Anlaufstellen können im Sinne des Empowerments bei der Durchsetzung von Ansprüchen und Rechten und zur Vermittlung psychosozialer Hilfen zielführend sein. Auf professionspolitischer Ebene hingegen „[g]ilt es, die transnationale Care-Arbeit zu politisieren, d. h. sie von dem Zuschnitt auf die private Sphäre zu lösen und auf einer gesellschaftspolitischen Ebene zu platzieren, [um] die dort Beschäftigten als Arbeitskräfte mit entsprechenden Rechten sichtbar zu machen und von politischen und gewerkschaftlichen Akteur:innen ein entsprechendes Handeln einzufordern“ (Bomert 2021, 13). Voraussetzung dafür ist die Schaffung oder Unterstützung von Organisierungs- und Artikulationsräumen, die migrantische Care-Arbeiterinnen befähigen, ihre Perspektiven und Interessen zu bündeln und zu artikulieren. „Ein professionelles Handeln setzt jedoch zunächst voraus, transnationale Care-Arbeit überhaupt als Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit wahrzunehmen und im Rahmen des politischen Mandats anzuerkennen“ (Bomert 2021, 16).

Im abschließenden Beitrag arbeiten Matthias Bruckdorfer und Michael David am Beispiel der Grundsicherung heraus, inwiefern und an welchen Stellen es zu Konflikten und Widersprüchen der Steuerungswirkung von umwelt- und sozialpolitischen Maßnahmen und Zielsetzungen kommt. Eine nachhaltige Sozialpolitik muss demnach auf finanzieller Ebene und hinsichtlich ihrer gesetzgeberischen Steuerungswirkung Voraussetzungen schaffen, um Menschen nachhaltige Konsumentscheidungen und eine nachhaltige Lebensweise überhaupt erst zu ermöglichen – ohne dabei sozial blind zu sein. Sollen Bürger:innen nachhaltig handlungsfähig werden, braucht es nach Bruckdorfer und David eine konzeptionelle Neuausrichtung sozialpolitischer Maßnahmen, die nicht – wie gegenwärtig beispielsweise in der Grundsicherung der Fall – defizit-orientiert und sanktionsbewehrt auf eine schnelle Beendigung des Leistungsbezugs zielt. Die Soziale Arbeit selbst kann – und soll – dabei auf drei Ebenen zur Akteurin einer sozialökologischen Transformation werden: auf einer betriebswirtschaftlichen Ebene ihrer Einrichtungen und Dienste, auf einer konzeptionellen Ebene und auf der Ebene ihres anwaltschaftlichen Handels hinsichtlich einer Bewertung umweltpolitischer Maßnahmen unter dem Blickwinkel sozialer Gerechtigkeit.

Berlin, im Juni 2021

Andreas Lob-Hüdepohl/Regina Schwichtenberg

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[1] Der Begriff der Großen Transformation rekurriert gemeinhin auf die Analysen von Karl Polanyi, der in seinem Werk Great Transformation (1944) vorwiegend am historischen Beispiel Englands den Übergang zum Industriekapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Dynamiken eines umfassenden Wandels darstellt. ↑

[2] Der Beitrag ist eine Überarbeitung mit deutlichen Erweiterungen des Beitrags: Becka (2019), Die Stadt in globaler Verantwortung. ↑

Literaturverzeichnis

Weitere Artikel dieser Ausgabe

  • Matthias Bruckdorfer (Berlin) Michael David (Berlin)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 1
    Sozialökologische Transformation - Diskursfelder und Themen für die und in der Sozialen Arbeit

    Sozialpolitische und sozialarbeiterische Anmerkungen zur sozialökologischen gesellschaftlichen Transformation

    Abstract Soziale Arbeit ist bisher oft in einen sozialpolitischen Kontext eingebettet, der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen mit Armutserfahrung wenig achtet. Der Respekt vor den eigenen Handlungsmöglichkeiten, Bedürfnissen und Entwicklungswegen aller Beteiligten ist aber ein wesentlicher Ausweis der Fachlichkeit von Sozialer Arbeit. Eine nachhaltig wirksame Armutsbekämpfung ist nicht möglich, wenn soziale Problemlagen individualisiert und psychologisiert werden. Dies verhindert auch eine ökologisch nachhaltige Ausrichtung von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit. Damit Menschen ökologisch handlungsfähig sind, müssen sie Zugang zu ausreichenden Ressourcen und Entscheidungsmöglichkeiten haben. Diskussionen über die ökologische Lenkungswirkung müssen in den Blick nehmen, dass eine nachhaltigere Ausrichtung von Sozialpolitik unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte erfordert, die eigene Fachlichkeit der Sozialen Arbeit und den damit verbundenen Respekt vor allen Beteiligten zu achten.

  • Markus Wissen (Berlin)

    7. Jg. (2021) Ausgabe 1
    Sozialökologische Transformation - Diskursfelder und Themen für die und in der Sozialen Arbeit

    An den Grenzen des Kapitalismus. Krise und Transformation aus politisch-ökologischer und intersektionaler Perspektive

    Abstract Die ökologische Krise wird in den vorherrschenden Debatten als globales Problem betrachtet: Die Menschheit ist im Begriff, die planetaren Grenzen zu überschreiten und in ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän, einzutreten. Derartige Diagnosen sind ambivalent. Einerseits zeigen sie den Ernst der Lage und stützen die Forderung nach einer wirksamen Umweltpolitik. Andererseits blenden sie den sozialen Gehalt der Krise aus und können deshalb kaum eine sozial-ökologische Transformation orientieren. Eine intersektionale, d.h. Klasse, Geschlecht, race und Kolonialität in ihren Verschränkungen berücksichtigende Politische Ökologie weist hier einen Ausweg: Sie trägt zu einem sozialwissenschaftlich gehaltvollen Begriff der ökologischen Krise bei und begründet sowohl die Notwendigkeit als auch die Möglichkeit einer Transformation über die Grenzen des Kapitalismus hinaus.