Das Fach Soziale Arbeit ist auf allen Ebenen herausgefordert zu entscheiden, wie weit es sich auf Digitalisierungen einlässt. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Selbstverständnis der Profession, die Effektivität ihrer Praxis sowie nicht zuletzt auch die Funktionstüchtigkeit ihrer Organisationen und Einrichtungen. Um zu klären, wie sich das gesellschaftsweite Phänomen der digitalen Transformation auf die Belange der Sozialen Arbeit auswirkt und zu welchen Wandlungen es in der Sozialen Arbeit führen darf und muss, sind verschiedene, sich überlappende normativ ethische Diskurse entstanden. Es geht im vorliegenden Beitrag darum, einen Überblick über die ethischen Dimensionen der laufenden Debatten zu gewinnen und erste Landmarken auszuweisen.
Digitalisierung Mediatisierung Angewandte Ethik Risikomanagement Professionalität Wohlfahrt
Digitale Transformation Sozialer Arbeit? – Ethische Orientierungen auf neuem Terrain
Eine zeitgemäße Soziale Arbeit kann sich der Digitalisierung[1] nicht entziehen. Wie andere Akteure, muss das gesamte Fach Soziale Arbeit seine Handlungsweisen an Bedingungen einer digital veränderten Welt orientieren und überdenken. Dabei kann es scheinbar ungehindert am Markt der digital technologischen Möglichkeiten teilnehmen und Apps & Co dort einsetzen, wo es sinnvoll erscheint. Ganz so einfach, wie es scheint, ist die Lage jedoch nicht. Denn der Umstand, dass sich die Handlungsbedingungen in der zeitgenössischen Welt bereits digital verändert haben, erzeugt zunehmend einen Digitalisierungsdruck. Wer in der digitalisierten Welt mit anderen interagieren und seine Ziele erreichen will, kommt nicht mehr umhin, dafür auch digitale Geräte und Instrumente zu nutzen. Das gilt für alle Akteure und insbesondere für die Soziale Arbeit, weil sie wie kaum ein anderes Fach darauf angewiesen ist, am sozialen Leben in all seinen analogen und digitalisierten Erscheinungsformen partizipativ teilzuhaben. Zugleich ist die Soziale Arbeit aber auch dasjenige Fach, das wie kaum ein anderes die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung kritisch wahrnimmt. In ihrer Perspektive ist nicht allein deutlich geworden, welche Chancen und Vorteile sich im Zuge der Digitalisierung ergeben (vgl. exemplarisch Schiffhauer 2020). Sie hat vor allem auch sichtbar werden lassen, welche neuen existenziellen Risiken sich für die Einzelnen auftun und welche sozialen Ungerechtigkeiten sich durch Digitalisierung verschärft haben (vgl. Iske/Kutscher 2020). Darüber hinaus ist in der Perspektive Sozialer Arbeit besonders augenfällig, wie sehr der Prozess der Digitalisierung zu einer Transformation des gesellschaftlichen Ganzen bereits geführt hat und noch führt. Wie auch immer man die Entwicklungen unterm Strich beurteilen mag, die Gesellschaft ist jedenfalls nicht dieselbe, die sie vor der Digitalisierung war.
Indem es darum geht, digitale Technologien in professionellen Handlungszusammenhängen zu nutzen, ist die Soziale Arbeit gleichermaßen einem Digitalisierungsdruck und einer auf sie selbst bezogenen Transformationssorge ausgesetzt. Einerseits begründen die empirischen und hermeneutischen Einsichten Sozialer Arbeit, wie nötig und sinnvoll es ist, sich in professionell sozialberuflichen Zusammenhängen digitaler Technologien zu bedienen. Andererseits verweisen dieselben Einsichten auf die Gefahr, sich durch unzureichend erwogenes digitales Tun und Unterlassen unbeabsichtigt in einen ungünstigen Transformationsprozess zu begeben (vgl. Will-Zocholl/Hardering 2020, 126ff.; Biniok 2020, 17). Die Gefahr ist nicht, dass sich die Praxis Sozialer Arbeit durch Digitalisierung verändert. Im Gegenteil sind solche Veränderungen im Sinne echter Innovationen tatsächlich nötig und beabsichtigt. Die Gefahr besteht vielmehr darin, den Punkt zu übersehen, an dem innovative Veränderungen der sozialberuflichen Praxis das Selbstverständnis Sozialer Arbeit als einer professionell praktischen Tätigkeit, die auf das Wohlergehen des konkreten Einzelnen und den sozial verantwortlichen Zusammenhalt aller gerichtet ist, in Frage stellen. Genau dies gilt es zu vermeiden. Geboten ist daher ein hohes Maß an Besonnenheit, mit dem es möglich wird, digitale Instrumente in fachlich sinnvoller Weise einzusetzen ohne dadurch Veränderungen in den Zielsetzungen oder Professionalitätsansprüchen Sozialer Arbeit zu initiieren.
Wie sehr darf und sollte sich die Soziale Arbeit digitaler Technologien bedienen? Sollte sie sich lediglich am Stand des digital üblich Gewordenen orientieren oder sollte sie darüber hinausgehen und beispielsweise immer auch dann auf digitale Arbeitsmittel zurückgreifen, wenn ihr dies den Zugang zur Klientel oder den Aufbau von Arbeitsbeziehungen erleichtert? Oder sollte es bei Fragen ihrer Digitalisierung generell um die Effektivität ihres Tuns und Lassens gehen? Sollte sie digitale Instrumente also immer dann einsetzen, wenn dies das professionelle Handeln erleichtert, unterstützt oder gar ersetzt? Die Soziale Arbeit ist mit solchen normativen Fragen nach der Reichweite ihrer eigenen Digitalisierung zunehmend konfrontiert und die Herausforderung, sie angemessen zu beantworten, stellt das gesamte Fach vor eine nicht triviale Aufgabe.
Trivial ist die Aufgabe schon deshalb nicht, weil ohne eine verantwortungsethische Reflexion nicht zu entscheiden ist, welche digitalen Instrumente in der Praxis Sozialer Arbeit genutzt werden sollen und welche nicht. Ein verantwortungsethischer Zugang erfordert, die auf die Bedarfe eines Verantwortungsobjekts gerichteten Handlungsabsichten und die Wahl der (digitalen) Mittel mit den absehbaren Handlungsfolgen normativ in Beziehung zu setzen. Die dafür nötigen Kenntnisse, Einschätzungen und Abwägungen sind nicht nur aufwändig, sie beinhalten oftmals auch eine unauflösbare Vagheit (siehe Pissarskoi 2018).
Einmal abgesehen davon, dass der Einsatz digitaler Arbeitsmittel empfindliche ökonomische Abwägungen verlangt und auch ein erhebliches Maß an Medienkompetenz voraussetzt, geht es vor allem um eine angemessene Folgenabschätzung. Der Umstand, dass digitale Arbeitsmittel – seien es Geräte, Apps oder noch anderes – komplex beschaffen sind, erschwert in dieser Hinsicht die Entscheidungsfindung. Zum einen ist oftmals nicht ohne weitere Anstrengung klar, wie die digitalen Mittel informatisch funktionieren und welche Zugriffe auf Daten sie wem mit welchen Folgen ermöglichen. Unbeabsichtigte Nebenfolgen, die etwa in der Verletzung von Datenschutzrechten bestehen können, sind demnach investigativ auszuloten und bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Darüber hinaus und zum anderen kommt ein oftmals übersehener Aspekt zum Tragen; er besteht darin, dass auch unklar ist, wie sich die Wahl bzw. Nutzung digitaler Arbeitsmittel auf die Qualität der sozialberuflichen Arbeitsleistung selbst auswirkt. Ob etwa eine Fallakte analog oder digital geführt wird, nimmt Einfluss nicht nur auf ihre Form, sondern auch auf ihre Inhalte (vgl. Ley/Reichmann 2020, 249ff.). Und beispielsweise auch eine Online-Beratung – die etwa schriftlich als Chat oder auch persönlich im Rahmen einer Video-Konferenz stattfinden kann – unterscheidet sich nicht nur der Form nach von einer Beratung, in der sich Personen am gleichen Ort im Gespräch befinden. Die Möglichkeit der Online-Beratung, um bei diesem Beispiel zu bleiben, nimmt auch Einfluss auf Adressat:innen, Verfügbarkeiten und Inhalte von Beratungsgesprächen (siehe Klein u.a. 2020).
Solche Einflussnahmen empirisch festzustellen und normativ zu beurteilen ist Teil der verantwortungsethischen Herausforderung. Sie umfasst daher nicht nur Entscheidungen für den situativen Einzelfall, sondern sie verlangt auch den weiteren Blick, in dem sich offenbart, welche Auswirkungen die Digitalisierungen auf das Selbstverständnis und die Professionalität Sozialer Arbeit haben.
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[1] Der Ausdruck Digitalisierung wird im Folgenden als Oberbegriff für sämtliche Praktiken verwendet, die den Übergang von analogen Techniken hin zu digitalen Technologien und Infrastrukturen ausmachen. In dieser Verwendung umfasst er die Entwicklung, Implementierung, Distribution und Nutzung von Software, digitalen Instrumenten, Technologien und Infrastrukturen. ↑
Normativ ethische[2] Diskurslandschaft im Digitalisierungsprozess Sozialer Arbeit
Das Fach Soziale Arbeit hat erst vergleichsweise spät begonnen, sich mit Fragen der eigenen digitalen Transformation zu befassen. Über lange Zeit war eine Haltung prägend, die professionelle Soziale Arbeit als das dem Technologischen gleichsam Gegenüberstehende ansah. Die unmittelbare persönliche Begegnung „face-to-face“ fungierte dabei als Ikone sozialberuflicher Interaktion. Entsprechend wurde von Seiten der Profession jeder Vorstoß, digitale Medien für die fallbearbeitende Kommunikation mit Klient:innen zu nutzen, mit großer Skepsis betrachtet und eher abgelehnt. Und die kritischen Wahrnehmungen der Disziplin, mit denen die bedenklichen Folgen der Digitalisierung früh zu Tage traten, schienen diese grundsätzlich ablehnende Haltung zu bekräftigen.[3] So blieb dann auch auf der Ebene des Managements der Wohlfahrtsverbände alles eher beim Alten. Man sah sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts jedenfalls noch nicht veranlasst, in eine digitale Infrastruktur zu investieren (vgl. Kreidenweis 2020, 391).
Ein Wandel im gängigen mindset trat erst im Übergang zum zweiten Jahrzehnt ein. Obwohl die skeptisch-aversiven Haltungen gegenüber digitalen Neuerungen in den Fachdiskursen noch immer auftauchen, hat sich die entsprechende Diskurslandschaft seither entscheidend verändert. Was den Sinneswandel herbeigeführt hat und welche Faktoren dafür eine Rolle spielten, kann an dieser Stelle nicht näher betrachtet werden. Erwähnenswert ist jedoch, dass es zum einen vor allem der interessierte medienpädagogische Blick auf die neuen Medien war, der die aversive Haltung aufbrach und zumindest Neugier stiftete. Zum anderen lieferten die Empfehlungen zur digitalen Strategieentwicklung, die 2011 von Kreidenweis mit explizitem Bezug auf die Sozialwirtschaft umfänglich formuliert und publiziert worden waren, auch der Ebene des Managements einen Ansporn, sich mit Digitalisierung konstruktiv zu befassen. Das Interesse, digitale Technologien auch für sozialberufliche Zwecke einzusetzen, wächst in allen Kontexten Sozialer Arbeit jedenfalls stetig.
Heute kann man sagen, dass mit Bezug auf die Möglichkeiten und Effekte von Digitalisierungen innerhalb der Sozialen Arbeit in nur knapp zehn Jahren eine kaum zu überschauende Diskurslandschaft entstanden ist, in der auch die aufkommenden ethisch-moralischen Fragen adressiert werden. Auf allen Ebenen wird nun kritisch diskutiert, wie Digitalisierungen zu beurteilen sind, mit welchen digitalen Mitteln das sozialberufliche Handeln unterstützt werden kann bzw. sollte und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen. In der Wissenschaft Sozialer Arbeit ergeben sich dabei andere Fragestellungen als in der Profession und dort auch unterschiedliche, je nachdem ob es um Digitalisierungen in bestimmten Handlungsfeldern oder um die strukturelle Organisation sozialberuflicher Leistungen geht. Das kürzlich erschienene Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung (Kutscher u.a. 2020) spiegelt, wie umfänglich und thematisch facettenreich die laufenden Diskurse sind. Dass sie sich überlappen und es in ihnen unweigerlich immer auch um das Selbstverständnis Sozialer Arbeit geht, verdeutlichen die Herausgeber:innen einleitend:
„Demzufolge geht es bei der Digitalisierung nicht nur um Prozesse des ‚Digital-Machens‘ bis dato analoger Prozesse und Erbringungsformen, sondern eben auch um die Etablierung soziotechnischer Arrangements und ihrer Folgen für einzelne Akteure, Formen, Anlässe und Rahmenbedingungen sozialer Dienstleistungen. Die Allgegenwärtigkeit digitaler Datenerhebung und -verarbeitung verweist auf Transformationen des Sozialen hinsichtlich vieler Alltagsbereiche, aber auch auf Zusammenhänge, die mit der Sozialen Arbeit verknüpft sind: Der sich verändernde Umgang mit Daten verändert gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten, politische Prozesse, das Verhältnis von Beruflichem/Öffentlichkeit und Privatsphäre, Vulnerabilitäten und Ungleichheiten, professionelle Entscheidungsspielräume und organisationale Standardisierungsprozesse. Zudem bringen die digitalen Technologien in ihnen eingelagerte Logiken mit sich, die in einem kongruenten, dynamisierenden oder auch widersprüchlichen Verhältnis zu fachlichen Logiken der Sozialen Arbeit stehen können.“ (Kutscher/Ley u.a. 2020, 9f.)
In normativ ethischer Hinsicht erweist sich die derzeitige Diskurslandschaft demnach als ebenso komplex wie unsystematisiert. Zwar werden ethisch-moralische Fragen in den jeweiligen Diskursen thematisiert und umfänglich diskutiert. Die Beiträge sind dann aber zumeist auf punktuelle, mit bestimmten digitalen Anwendungen verbundenen Fragen bezogen, etwa mit der, wie die Möglichkeiten der Online-Beratung in professionell sozialberuflicher Perspektive zu beurteilen sind. Aufgrund der Perspektivenvielfalt des Fachs Soziale Arbeit verknüpft sich in den jeweiligen Begründungsgängen häufig ein auf die persönliche Lebenswelt[4] der jeweiligen Adressat:innen gerichteter Fokus mit einem auf die sozialen Lebenslagen von Personengruppen gerichteten und einem, der die organisationsseitig bereitgestellte technische Infrastruktur in den Blick nimmt. Und je nachdem welche Perspektive den Diskurs dominiert, ob er also vor allem in sozialkritischen oder in Perspektiven der personenbezogenen Praxis geführt wird, ergeben sich verschiedene Einschätzungen und normative Urteile. Mit Bezug auf die Frage, wie weitgehend sich Soziale Arbeit auf Digitalisierungen ihrer professionellen Praxis einlassen darf und muss, wenn sie ihrem Selbstverständnis gerecht werden bzw. es nicht gefährden will, bieten die bisherigen Diskurse deshalb noch wenig Orientierung.
Zwar beinhalten die derzeit laufenden Diskurse über Digitalisierung und Soziale Arbeit fraglos immer auch eine ethisch-moralische Reflexion. Es geht in ihnen, wie das o.g. Zitat verdeutlicht, beispielsweise um Gerechtigkeit, um die Ermöglichung von Teilhabe, um die Berücksichtigung von Vulnerabilität, um den Schutz der Privatsphäre und um noch viele andere Werte, Prinzipien und Normen, die in der Sozialen Arbeit eine zweifellos beachtliche Rolle spielen. Die ethischen Grundeinstellungen Sozialer Arbeit, d.h. ihre grundsätzlich verbindliche Orientierung an Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit, finden sich in den jeweiligen Beiträgen also wieder. Dennoch scheint das die Soziale Arbeit als Ganze fundierende Ethos nicht hinlänglich, um das Was, Wann und Wieviel ihrer digitalen Innovation verbindlich zu explizieren. Pauschale Antworten auf die Frage, welche digitalen Mittel in welchem sozialberuflichen Kontext eingesetzt werden müssen bzw. dürfen und welche nicht, sind von den Diskursen daher nicht zu erwarten. Dafür ist zum einen die Komplexität und Dynamik der zu erwägenden Sachverhalte zu groß und zum anderen sind die mit ihnen in den verschiedenen Kontexten zu verbindenden konkreteren normativ ethischen Forderungen zu vielfältig.
Wer also meint oder hofft, Ethik könne bei Fragen der Digitalisierung Sozialer Arbeit wie ein Schiedsrichter fungieren und die digitale Spreu vom Weizen trennen, erliegt einem Irrtum. Die für das ganze Fach verbindliche ethische Grundeinstellung, die sie zur Förderung von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit sowie zur Sicherung der individuellen sozialen Existenz verpflichtet (vgl. Kaminsky 2018), rahmt die bei der Digitalisierung aufkommenden Reflexionen zwar, sie liefert jedoch keine Antworten. Ob und inwieweit die ethischen Grundlagen Sozialer Arbeit durch Implementierungen und Nutzungen digitaler Technologien gefördert oder gefährdet werden, ist im Einzelnen zu explizieren und zu diskutieren. Normativ ethische Beurteilungen digitaler Technologien sind nicht nur von den ihnen zugrunde gelegten Werten, sondern auch den jeweils konkreten Sachverhalten abhängig. Sobald sich die Sachverhalte ändern – seien es technische, soziale oder politische – ist entsprechend auch das ethische Urteil kritisch zu überprüfen. Die verantwortungsethische Reflexion ihrer Digitalisierungen wird dem gesamten Fach Soziale Arbeit, d.h. der Disziplin, der Profession wie auch ihren Trägereinrichtungen, daher an keiner Stelle erspart bleiben; sie ist immer wieder aufs Neue herausgefordert zu beantworten, ob und inwieweit sie ihre Praxis verändern darf und muss, wenn sie ihre höchsten Werte nicht gefährden will.
Um dieser Herausforderung nachzukommen und den jeweiligen Stand der normativen Überlegungen besser erfassen zu können, ist es hilfreich, die in den bisherigen Diskursen bereits enthaltenen ethischen Auseinandersetzungen zu systematisieren. Es zeigt sich nämlich, dass in den Diskursen sozial-, individual- und organisationsethische Gesichtspunkte in stark vermischter Weise diskutiert werden. Nicht, dass dies der Sache nach zu kritisieren wäre. Wenn aber die Reichweite einer erforderlichen und legitimen digitalen Transformation Sozialer Arbeit beurteilt werden soll, trägt eine Differenzierung der in den Debatten vorgebrachten ethischen Argumentationslinien einer konstruktiven Selbstverständigung des gesamten Fachs bei. Die Einordnung der Argumentationslinien in ethische Diskurse mag zwar bloß heuristisch sein, denn in der Tat verknüpfen sich im Fach Soziale Arbeit beispielsweise sozial- mit individualethischen Betrachtungen aufs Engste. Und auch organisationsethische Fragen lassen sich im Grunde nicht losgelöst von faktisch gegebenen sozialen, rechtlichen und moralischen Forderungen in den verschiedenen Handlungsfeldern der Profession Soziale Arbeit erörtern.
Die heuristische Trennung der ethischen Fragestellungen bietet Orientierung, in dem sie quasi in einer Landkarte ethisch-moralischer Fragestellungen mündet. Die Übersicht entsteht, indem beispielsweise deutlich wird, welche individualethischen Verpflichtungen Soziale Arbeit anerkennt und dies ins Verhältnis mit ihren sozial- oder auch organisationsethischen Orientierungen gestellt werden kann. Das ist wichtig, weil es mit Blick auf die Stabilisierung des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit auch darum geht, dass die normativen Einzelurteile über digitale Innovationen in den verschiedenen sozialberuflichen Handlungsbereichen ein kohärentes Ganzes ergeben und sich nicht widersprechen. Es ist zu erwarten, dass mit Hilfe einer „ethischen Landkarte“ die Verbindungslinien der im Diskurs jeweils eingenommenen normativen Standpunkte klarer werden. Darüber hinaus wird erst in der geografischen Übersicht deutlich werden, wo die argumentativen Unwegsamkeiten liegen, mit denen das Fach Soziale Arbeit im Zuge seiner Digitalisierung zu kämpfen hat.
Dabei kommt wesentlich zum Tragen, dass Soziale Arbeit bei Fragen der Digitalisierung und ihrer transformativen Effekte im Grunde zwei verschiedene Perspektiven einnimmt. Einmal richtet sie den kritischen Blick nach außen und nimmt dabei die gesellschaftlichen Zusammenhänge des Wandels von Lebensbedingungen, Lebenslagen und Lebenswelten in den Blick. Gleichzeitig richtet sie den kritischen Blick aber auch nach innen und betrachtet den durch dieselben Zusammenhänge verursachten Wandel der Bedingungen und Aufgaben des eigenen Fachs. Und obwohl die zu erwägende Sache in beiden Perspektiven die gleiche bleibt, unterscheiden sich die in ihnen auftauchenden ethischen Fragestellungen erheblich.
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[2] Mit normativer Ethik ist der Teilbereich der Ethik gemeint, „der sich mit den inhaltlichen Aspekten der Moral und mit den in moralischen Normen enthaltenen Wertsetzungen beschäftigt. Die normative Ethik ist nicht notwendig normativ in dem Sinne, dass sie selbst Normen aufstellt.“ (Birnbacher 2003, 436) Sie unterstützt jedoch die Normfindung und ist daher der Teilbereich der Ethik, der für die anwendungsbezogenen Auseinandersetzungen mit Digitalisierungen in der Sozialen Arbeit besonders relevant ist. ↑
[3] Exemplarisch sind hier Auseinandersetzungen zu nennen, die um die Jahrtausendwende vor allem das (digitale) Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen problematisierten und dabei die Risiken in den Lebenswelten von „digital natives“ bzw. der „Cybergeneration“ und „Netzgeneration“ thematisierten (siehe hierzu Tillmann 2020, 89ff.). ↑
[4] Der Begriff Lebenswelt folgt in diesem Text einem für die Soziale Arbeit typischen, auf die Arbeiten von Alfred Schütz rekurrierenden Verständnis (siehe hierzu auch Tillmann 2020, 89). ↑
Blick nach außen: Digitalisierte Welt vom Standpunkt der Sozialen Arbeit aus betrachtet
Soziale Arbeit versteht sich als das Fach, das sozialen Wandel in strikter Orientierung an Prinzipien der individuellen Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit anstrebt (vgl. IFSW 2014). Es gehört deshalb zu den Kernaufgaben Sozialer Arbeit, den Blick gleichsam nach außen zu richten und die in einer Gesellschaft vorherrschenden Lebensbedingungen und sozialen Lebenslagen von Einzelnen und sozialen Gruppen empirisch wahrzunehmen, sie von Kriterien geleitet kritisch zu beurteilen und schließlich entsprechend förderliche Maßnahmen zu ergreifen (vgl. Beranek 2019).
3.1 Sozialethische Auseinandersetzungen
Mit Bezug auf Digitalisierungen und deren transformativen Effekte nimmt die Soziale Arbeit deshalb zunächst eine sozialkritische Perspektive ein und richtet den Fokus dabei besonders auf die Lebenslagen von Personengruppen. Nach Maßgabe von allgemein verbindlichen menschen- bzw. grundrechtlichen Orientierungen sowie verbindlichen Normen der sozialen Gerechtigkeit und Wohlfahrt, gewinnt die Soziale Arbeit dadurch konkretere Kriterien, für ihre sozialethische Auseinandersetzung mit Aspekten von Digitalisierung. Die in dieser Perspektive zentrale Frage ist entsprechend auf Institutionen gerichtet: Inwieweit dürfen und müssen wir unsere Institutionen verändern, wenn wir im Zuge der digitalen Transformation unserer Gesellschaft Personengruppen nicht benachteiligen, sondern ihre gesellschaftliche Gleichstellung sichern bzw. fördern wollen?
Aspekte, die mit dieser sozialethischen Auseinandersetzung verbunden sind, bestehen beispielweise in Fragen des gesellschaftlich zu gewährenden Zugangs zu digitalen Infrastrukturen, wie auch in Fragen der Ausstattung mit digitalen Geräten und erforderlichen medienpädagogischen Bildungsangeboten sowie nicht zuletzt auch in Fragen der Lebenssicherheit und des Schutzes vor Fremdbestimmung und Gewalt.
Forderungen, die sich aus diesen sozialethischen Betrachtungen ergeben, sind an verschiedene politische Akteure gerichtet. Je nach Thema können dies kommunale, landes- oder bundespolitische Instanzen sein, aber auch zivilgesellschaftliche Vereinigungen und Organisationen. Bei den nach außen gerichteten Forderungen bleibt es jedoch nicht, denn die Soziale Arbeit adressiert sich mit ihren sozialethischen Forderungen immer auch selbst. So ergeben sich aus den sozialethischen Urteilen Sozialer Arbeit nicht allein die Inhalte ihrer sozialpolitischen Aufgaben. Die sozialethischen Urteile bilden zugleich auch den verbindlichen Rahmen für die personenbezogenen Leistungen Sozialer Arbeit und zwar einschließlich der Organisationsformen, in denen sie sie erbringt. Wofür sich Soziale Arbeit mit Bezug auf strukturelle Probleme von Digitalisierungen politisch einsetzt und was sie zugleich auch selbst beachten bzw. vermeiden will, hängt also entscheidend von ihren sozialethischen Urteilen ab. In dem die Soziale Arbeit beispielsweise erkennt, durch welche digitalen Praktiken ungerechte Verhältnisse entstehen, sind nicht nur andere Akteure, sondern ist sie auch selbst verpflichtet, solche Strukturen aufzulösen und entsprechende Praktiken zu unterlassen. Hierzu gehört dann etwa die Forderung, die strukturelle digitale Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen im Blick zu behalten und sie mit digitalen Angeboten Sozialer Arbeit nicht noch zu bestätigen oder gar voranzutreiben (siehe auch Kutscher 2020, 77).
Die mit dem Fokus auf die Lebenslagen geführten, sozialethischen Diskurse der Sozialen Arbeit sind demnach von größter normativer Bedeutung für die gesamte Soziale Arbeit; sie entscheiden darüber, in welchem Rahmen Soziale Arbeit (digital) agieren darf und muss, wenn sie ihrem Selbstverständnis treu bleiben will. Ähnlich scheinen das auch Beranek u.a. aufzufassen, wenn sie in diesem Zusammenhang auf das sogenannte Tripelmandat der Sozialen Arbeit verweisen.
„Die Soziale Arbeit, die sozialen Wandel entlang der Prinzipien der Menschen-rechte und sozialen Gerechtigkeit fördert, muss die Digitalisierung hinsichtlich ihrer Konsequenzen für das Wohlbefinden der Menschen zum Gegenstand von Praxis, Theoriebildung und der Ausbildung machen. Damit wächst ihr eine gesellschaftspolitische wie aufklärerische Funktion zu, die im Sinne der ethischen Dimension des Tripelmandats höchst relevant ist.“ (Beranek u.a. 2019, 227)
3.2 Individualethische Auseinandersetzungen
Mit dem Fokus auf die Lebenslagen kann sich Soziale Arbeit jedoch nicht begnügen. Um personenbezogen angemessen agieren zu können, muss sie zusätzlich auch die Lebenswelten der Einzelnen in den Fokus nehmen. Es gilt zu erfassen und normativ ethisch zu beurteilen, wie sich Digitalisierungen und insbesondere private Nutzungen digitaler Technologien im lebensweltlichen Kontext der Einzelnen repräsentieren. In Frage steht beispielsweise, mit Hilfe welcher digitalen Mittel Personen ihre Unabhängigkeit von anderen fördern können oder auch, wie sie durch Nutzung bestimmter digitaler Geräte oder Anwendungen etwa ihre Kommunikations- bzw. Partizipationschancen verbessern können. Von größtem Interesse ist aber auch, wann sie sich oder andere durch die Nutzung digitaler Mittel besonderen Gefahren aussetzen (siehe Gramelsberger 2020, 51f.). Die an den lebensweltlichen Zusammenhängen interessierten Debatten sind somit ausgesprochen vielfältig; nämlich so vielfältig, wie die Situationen, in denen die Einzelnen über Nutzungsweisen der ihnen verfügbaren digitalen Mittel entscheiden.
Insgesamt gesehen wandelt sich die ethische Schwerpunktsetzung der Debatten hin zu individualethischen Auseinandersetzungen mit der Frage, woran sich die Einzelnen orientieren können und sollten, wenn sie digitale Technologien nutzen oder darauf verzichten. Mit den im Diskurs erarbeiteten ethisch-moralischen Urteilen gewinnt die Soziale Arbeit zum einen normativ ethische Grundlagen und Inhalte vor allem für ihr sozial- und medienpädagogisches Handeln und adressiert insofern alle Einzelnen. Und die Kriterien, an denen sie sich in ihren individualethischen Debatten orientiert, entstammen dem für das professionell sozialberufliche Handeln maßgeblichen Verständnis von einer gesicherten individuellen sozialen Existenz (vgl. Kaminsky 2018, 97-131). Entsprechend ist die auf die innerfachliche Nutzung digitaler Technologien bezogene Auseinandersetzung an der Leitfrage orientiert, inwieweit die Profession Soziale Arbeit digitale Mittel nutzen darf und muss, wenn sie die Selbstständigkeit, Teilhabe und Versorgung ihrer Klient:innen nicht gefährden, sondern unterstützen und fördern will.
Mittlerweile ist unstrittig, dass die Profession Soziale Arbeit nicht ohne weiteres auf die Nutzung digitaler Geräte und Anwendungen verzichten kann. Ohne Smartphone und dazu gehörige Messenger-Dienste wird sie beispielsweise gar keinen Zugang zu Teilen ihrer Klientel erhalten. Von solchen rein pragmatischen Erfordernissen einmal abgesehen, erweist sich in den Diskursen aber auch, dass die Profession in vielen Fällen mit Hilfe von digitalen Technologien ihre personenbezogenen Ziele besser verfolgen und erreichen kann. Wann genau das der Fall ist, wann also welche digitalen Instrumente geeignet sind, die Sicherung der sozialen Existenz von Klient:innen zu fördern, ist zwar von vielen Faktoren abhängig und muss mit Bezug auf die verschiedenen Handlungsfelder differenziert beurteilt werden (vgl. Kutscher u.a. 2020, 439-610). Zu betonen ist an dieser Stelle erneut, dass mit den ethisch-moralischen Urteilen auch entsprechende Verpflichtungen einhergehen. Wann immer es sich für die Sicherung der sozialen Existenz von Klient:innen als förderlich erweist, wenn Sozialarbeiter:innen digitale Technologien nutzen, müssen sie diese auch nutzen. Ein Verzicht auf die sozialberufliche Nutzung verfügbarer digitaler Technologien wäre in diesen Zusammenhängen jedenfalls eigens zu rechtfertigen.
Mit Blick auf die digitale Transformation Sozialer Arbeit geht von den individualethischen Debatten demnach ein Ruck aus, weil sie Entscheidungen über digitales Tun und Lassen einem rein pragmatischen Dafür- oder Dagegenhalten entziehen. In immer mehr Handlungsbereichen verdeutlichen sich Zusammenhänge, in denen es geboten scheint und die Soziale Arbeit (nach eigenem Urteil) also ethisch mitunter sogar verpflichtet ist, digitale Technologien in ihrem professionellen Handeln einzusetzen. Dass sich dadurch Standards professionellen Handelns verändern, liegt auf der Hand. Und es sind genau diese Veränderungsprozesse, die der Sozialen Arbeit zu schaffen machen, weil sie ihr professionelles Selbstverständnis betreffen (vgl. Seelmeyer/Waag 2020, 183ff.).
Die sozial- und individualethischen Betrachtungen der Sozialen Arbeit bleiben für sie selbst also nicht folgenlos. Im Gegenteil geben sie dem gesamten Fach Soziale Arbeit Grund und Anlass, den Blick auch nach innen zu richten und sich zu befragen, ob und wie sich Digitalisierungen mit den Auffassungen von sozialberuflicher Professionalität verbinden lassen. Auch in diesem Zusammenhang werden bereits lebendige Diskurse geführt.
Blick nach innen: Auseinandersetzungen mit digitalisierter Professionalität
Man darf nicht übersehen, dass die Soziale Arbeit in Folge ihrer sozial- und individualethischen Betrachtungen mitunter selbst in starke normative Konflikte gerät. Es mag vom individualethischen Standpunkt beispielsweise erlaubt oder sogar geboten sein, beim Erbringen sozialberuflicher Leistungen auf digitale Mittel zurückzugreifen. Die Nutzung von Software, speziellen Apps und etwa auch die Erhebung und Nutzung von ‚Big Data‘ kommen hierfür in Betracht. Verträgt sich das aber mit dem Professionalitätsverständnis Sozialer Arbeit? Oder gibt es in der Perspektive Sozialer Arbeit auch dann gute Gründe, Vorbehalte gegenüber Digitalisierungen aufrecht zu erhalten, wenn gegen sie keine sozial- oder individualethischen Bedenken geäußert werden?
4.1 Im engeren Sinne professionsethische Auseinandersetzungen
Bei dem nach innen gerichteten Blick geht es nicht mehr um Verpflichtungen bei der professionellen Beschäftigung mit sozialen Lebenslagen und individuellen Lebenswelten, sondern im Mittelpunkt der Betrachtungen steht nun die Professionalität Sozialer Arbeit. Es geht also um ethisch-moralische Verpflichtungen, die sich aus Erwartungen an professionelle Handlungsweisen ergeben. Die Soziale Arbeit nimmt somit eine im engeren Sinne zu verstehende professionsethische Perspektive ein. In dieser Perspektive sind die Debatten von der Frage geleitet, inwieweit und welche digitalen Mittel genutzt werden dürfen und müssen, wenn die Qualität und Effektivität der professionellen Praxis nicht gefährdet, sondern erhalten und gefördert werden soll. Die Debatten drehen sich somit um digital technologische Anwendungen, die dazu gedacht sind, professionelle Handlungsweisen zu beschleunigen, zu unterstützen oder zu erleichtern. Und es sind diese, im engeren Sinne professionsethischen Debatten, in denen man sich kritisch mit den transformativen Wirkungen von Digitalisierungen in der Sozialen Arbeit befasst.
Erwogen wird hierbei, inwiefern die sozialberufliche Praxis beispielsweise von digitalisierten Arbeitsmitteln, Dokumentationen, Kommunikationsformen und Vernetzungen profitieren kann. Zugleich ist aber auch absehbar und somit zu erwägen, dass sich mit veränderten Medien die Bedingungen und Standards ändern, mit denen Sozialarbeiter:innen in ihrem beruflichen Alltag Leistungen erbringen, sich organisieren und verständigen. Ändern sich hier nur Standards, oder laufen die Veränderungen möglicherweise auf eine Deprofessionalisierung der Praxis hinaus? Beispielsweise unterscheiden sich dokumentierte Inhalte je nachdem, ob sie mit Stift auf Papier oder digital festgehalten werden und es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht klar, welche Konsequenzen sich aus diesem Unterschied ergeben (siehe Eßer 2020, 25ff.; Ley/Reichmann 2020, 250ff.). Eine Konsequenz könnte etwa in einer gewissen digitalen Sogwirkung bestehen und dazu führen, dass relevante Fallsituationen künftig regelmäßig nicht mehr nur textlich, sondern auch mit Bildmaterial und Videos dargestellt werden. Es kann gut sein, dass die an einer Fallbearbeitung beteiligten Fachkräfte von solchen digitalen Dokumentationserweiterungen tatsächlich profitieren. Ist das aber auch belegbar? Ohne empirische Forschungen der Disziplin Soziale Arbeit wird sich das nicht klären lassen.
Zumindest thesenförmig muss deshalb an dieser Stelle konstatiert werden, dass professionsethische Urteile erst einmal vorläufig bleiben. Und zwar schon deshalb, weil oftmals noch nicht hinreichend erforscht ist, wie es in konkreten Handlungssituationen zu professionellen Entscheidungen kommt. Ob bestimmte digitale Instrumente praktische Entscheidungssituationen erleichtern oder nicht, bleibt somit häufig eine Sache mehr oder weniger plausibler Einschätzungen und Abwägungen.
Für die professionsethische Auseinandersetzung bedeutet das zum einen, die Disziplin immer wieder zur Erforschung von ethisch relevanten empirischen Fragestellungen zu inspirieren. Zum anderen bedeutet es, für neue empirische Erkenntnisse stets offen zu bleiben und vorläufige normativ ethische Urteile gegebenenfalls zu revidieren. Es ist zwar nicht damit zu rechnen, dass einmal etablierte Digitalisierungen, wie etwa der Übergang von analogen zu digitalen Dokumentationen, wieder rückgängig gemacht werden (siehe Ley/Reichmann 2020, 248). Die prinzipielle Revidierbarkeit vermeintlicher digitaler Innovationen sozialberuflicher Praxis sollte bei der Formulierung entsprechender normativ ethischer Urteile aber ein beachtliches Kriterium sein (siehe hierzu Vossenkuhl 2006, 41).
Wenn die professionsethischen Diskurse tatsächlich ethische sein wollen und nicht bloß reflexive Auseinandersetzungen mit den sich zweifellos verändernden Sitten Sozialer Arbeit, dann müssen sie bewusst und intensiv nach guten, überzeugenden Gründen suchen, mit denen entschieden werden kann, ob und wann die Nutzung digitaler Technologien professionell verboten, erlaubt oder sogar geboten ist. Diese guten Gründe liegen im sozialberuflichen Verständnis der eigenen Professionalität bereits mehr oder weniger explizit vor, sie werden in den gewöhnlichen Standards professionellen Handelns jedoch nicht ohne weiteres offenbar. Deshalb ist es im professionsethischen Diskurs beispielsweise wenig hilfreich etwa darauf hinzuweisen, dass sich die face-to-face Begegnung mit Klient:innen in der sozialberuflichen Praxis bewährt hat und sie deshalb nicht durch digitale Begegnungsformen ersetzt werden sollte. Für den ethischen Diskurs ist es erforderlich, quasi die tieferliegende Wahrheit über die Professionalität Sozialer Arbeit ausfindig zu machen und daraus Kriterien zu gewinnen, mit denen normative Urteile gefällt werden können.
Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass die ästhetische Urteilskraft (vgl. Rosenmüller 2018, 94) von Sozialarbeiter:innen essentiell für deren situative Handlungsentscheidungen ist, dann hat das Auswirkungen auf die Bewertung etwa von digitalen Risikoeinschätzungsinstrumenten. Sie wären dann unter anderem danach zu beurteilen, inwieweit sie die für das professionelle Handeln unverzichtbare Fähigkeit (hier: der ästhetischen Urteilskraft) unterstützen oder unterminieren.
Solche, auf die Professionalität Sozialer Arbeit bezogenen normativen Urteile sind nötig, weil sie nicht nur die Profession, sondern letztlich das gesamte Fach vor einer Transformation ihres Selbstverständnisses schützen. Solange nämlich die Soziale Arbeit ihrem Selbstverständnis treu bleibt, muss sie vor digitalen Innovationen nicht zurückschrecken. Digitalisierungen verändern zwar die Praxis Sozialer Arbeit; sie sind aber nicht bedrohlich, sondern eher als willkommene Innovation zu begrüßen, wenn und insofern sie die Expertise (vgl. Kaminsky 2018,101ff.) und Professionalität des Fachs bestätigen.
Allerdings kann sich diese Professionalität nur in einer sie infrastrukturell unterstützenden Umgebung realisieren. Der nach innen gerichtete Blick, mit dem die Protagonist:innen der professionsethischen Diskurse argumentativ ausloten, welche digitalen Instrumente die Professionalität Sozialer Arbeit unterstützen, ist ohne Betrachtung ihrer infrastrukturellen Einbettung nicht hinreichend. Auch die Wohlfahrtsverbände und Trägereinrichtungen Sozialer Arbeit müssen daher in den Blick genommen werden, denn letztlich sind sie es, die die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine professionelle Praxis schaffen. Ethische Herausforderungen und Fragen kommen auch auf dieser Ebene Sozialer Arbeit auf und auch sie sind Teil des Gesamtdiskurses.
4.2 Organisationsethische Auseinandersetzungen
Im September 2017 unterzeichneten die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrts-verbände (BAGFW) und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) einen Partnerschaftsvertrag. In einer gemeinsamen Absichtserklärung wurde darin unter anderem betont, dass die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in den kommenden Jahren gefordert sind, „einen dynamischen Organisationsentwicklungsprozess zu gestalten, der angesichts der großen Veränderungsdynamiken schnell angestoßen und geformt werden muss“ (BAGFW 2017, 2). Unter Hochdruck geht es in den Verbänden seither um die Entwicklung konkreter Digitalisierungsstrategien, die nicht allein auf die für die Aufgaben der Verbände relevanten Mediatisierungen der Lebenslagen und Lebenswelten reagieren sollen. Vielmehr soll es um die digitale Innovation der gesamten Organisation der Wohlfahrtspflege und der zu ihr gehörenden Einrichtungen gehen:
„Ziel ist die organisatorische Anpassung von verbandlichen Prozessen, die durch digitale Innovationen erforderlich wird. Dabei sind strukturelle Agilität und neue Formen des Wissensmanagements zu entwickeln und zu fördern. Aufgabe der Freien Wohlfahrtspflege ist es, im Rahmen der Personal- und Organisationsentwicklung auf diese Entwicklung so zu reagieren, dass Lösungsansätze rasch erprobt und erfolgreich umgesetzt werden können.“ (Ebd., 4)
Ethische Fragen, die in diesem Kontext auftauchen, werden erst seit kurzem systematisch thematisiert und zumeist wohl eher außerhalb der Wohlfahrtsverbände, nämlich wissenschaftlich, diskutiert (vgl. Büchner 2020; Ley/Seelmeyer 2020; Pudelko/Richter 2020). Die dabei mit dem Fokus auf die Personal- und Organisationsentwicklung langsam entstehenden organisationsethischen Diskurse orientieren sich an der Leitfrage, inwieweit digitale Mittel implementiert und genutzt werden dürfen und müssen, wenn die Einrichtungen Sozialer Arbeit in ihrem Bestand und ihrer Funktionalität nicht gefährdet, sondern nachhaltig gesichert werden sollen.
Kriterien, auf die es bei dieser Auseinandersetzung besonders ankommt, bestehen vor allem in Aspekten der Funktionalität, Ordnung und Stabilität sozialberuflicher Infrastrukturen. Es geht also darum, normativ zu beurteilen, ob und wie digitale Instrumente in jeweiligen Einrichtungen dazu beitragen, dass die für ihren Zweck erforderlichen Strukturen erhalten und unterstützt werden. Verschiedenste digitale Instrumente stehen dafür bereits zur Verfügung und werden, wie beispielsweise Büchner aber auch andere feststellen, zunehmend eingesetzt; allerdings häufig eher im Modus informeller Spontaneität und ohne ihre Implementierung vorab ethisch-moralisch zu reflektieren (Büchner 2020, 369; vgl. Schluchter u.a. 2021).
Dass die organisationsethische Beurteilung potentiell zu implementierender digitaler Technologien häufig noch unterbleibt, hat vermutlich viele Ursachen (siehe Kreidenweis 2020, 400ff.). Eine wesentliche Ursache scheint jedoch darin zu bestehen, dass die ordnungsgebenden Infrastrukturen Sozialer Arbeit, auf die man bei der Urteilsbildung Bezug nehmen müsste, zunächst oft unklar sind und sich erst im Zuge der Auseinandersetzungen klären. Deshalb „wirbeln Digitalisierungsprozesse“, wie Büchner verdeutlicht,
„nicht selten die formalen Erwartungen in Organisationen auf. Sie gehen oft mit der Reorganisation bestehender Prozesse einher. Eine Software zur Dokumentation der Auslastung wirft beispielsweise die Frage auf, wie eigentlich bisher die Auslastung der Einrichtung dokumentiert wurde.“ (Büchner 2020, 370)
Was sich schon im eher schlichten Zusammenhang der beispielhaft angeführten Software als ein Problem erweist, verstärkt sich um ein Vielfaches, wenn es um die gewachsenen Interaktionsstrukturen auf den verschiedenen Ebenen sozialberuflicher Praxis geht. Organisationsethische Diskurse, die gerade erst beginnen, sind auf eine Explikation dieser Strukturen angewiesen, wenn sie zu verlässlichen normativen Urteilen kommen wollen. Der von Ley und Seelmeyer formulierten Einschätzung ist demnach völlig zuzustimmen:
„In disziplinärer Perspektive wäre somit die berufsethische Frage nach ‚guten‘ Infrastrukturen zu stellen, welche für die Weiterentwicklung offen, für professionelles Entscheiden unterstützend und damit für die Gemeinwohlbildung und das Wohl der Klient*innen förderlich sind. Es wird damit aber auch eine fachliche Debatte eröffnet, die Fragen nach der geteilten Wissensbasis, verteilten Entscheidungen und berufsethischen Verantwortung von Professionellen im Kontext digitaler Informationsinfrastrukturen stellt.“ (Ley/Seelmeyer 2020, 387)
Die normative Debatte Sozialer Arbeit, über das Für und Wider ihrer Digitalisierung, bleibt also auch in organisationsethischer Perspektive noch unabgeschlossen und die Frage, welche Digitalisierungen nötig und begrüßenswert sind, noch offen.
Normativ ethische Landmarken in Digitalisierungsdiskursen Sozialer Arbeit
Die prinzipielle Offenheit und Unabgeschlossenheit der verschiedenen Ethikdiskurse Sozialer Arbeit ist begrüßenswert und alles andere als ein Manko der laufenden Auseinandersetzungen. Der Wert ethischer Reflexionen bemisst sich nämlich nicht an der Quantität der in ihnen erarbeiteten normativen Urteile, sondern maßgeblich an der Relevanz der in ihnen zu berücksichtigenden Sachverhalte und normativen Verbindlichkeiten. Beides, sowohl die Sachverhalte als auch die normativen Verbindlichkeiten sind bei vielen Themen, mit denen man sich in den Diskursen befasst, jedoch noch uneindeutig und diskussionswürdig. Zwar stehen die abstrakteren normativen Orientierungen Sozialer Arbeit hinreichend fest. Sie kommen in den genannten Leitfragen zum Ausdruck und spiegeln einen weitgehenden Konsens über die schützenswerten Güter, um die es in den jeweiligen Diskursen geht. Schwierig und kontrovers wird die Auseinandersetzung allerdings immer dann, wenn die abstrakten normativen Forderungen konkretisiert und mit bestimmten Digitalisierungen in argumentative Verbindung gebracht werden müssen. Bevor man also in die Lage kommt, Digitalisierungen im Bereich Sozialer Arbeit normativ ethisch beurteilen zu können, müssen die dafür relevanten Grundlagen bzw. konkreteren Prämissen expliziert werden, und genau um solche Explikationen dreht sich ein Gutteil der laufenden Debatten.
Erst im diskursiven Austausch über konkrete Digitalisierungen offenbart sich die Komplexität der Aspekte und Folgen, die bei ihrer ethischen Beurteilung zu erwägen und abzuwägen sind. Und zu welchen Beurteilungen diese Er- und Abwägungen führen, ist Sache der im Diskurs vorgebrachten Argumentationen. Weil Argumente aber stets Deutungen und Einschätzungen enthalten, die prinzipiell auch anders ausfallen können, kommt es zu Kontroversen. Sich an diesen Kontroversen zu reiben und die Überzeugungskraft von Argumentationen auszuloten, ist der eigentliche Sinn und Zweck normativ ethischer Debatten. Sie beleuchten, welche moralischen Spielräume ethisch engagierten Akteuren zur verantwortlichen Verfügung stehen. Der Wert der offenen und prinzipiell unabgeschlossenen Debatten ist deshalb kaum zu überschätzen.
Akteure, die sich nach handfester ethisch-moralischer Orientierung und entsprechend eindeutigen ethischen Urteilen sehnen, empfinden die Diskurslage allerdings eher als unbefriedigend. Ihr Wunsch nach klaren, praktikablen Aussagen darüber, ob und wann sie beispielsweise eine bestimmte Software, digitale Kommunikationsmittel, Assistenzsysteme oder auch neue, noch in der Entwicklung befindliche Technologien, wie etwa Predictive Risk Management-Systeme (vgl. Schrödter u.a 2020, 256), nutzen sollten, bleibt unerfüllt. Was die jeweiligen Akteure mit digitalen Mitteln tun und unterlassen, bleibt daher Sache ihrer eigenen Verantwortung. Und als moralische, das heißt prospektive Verantwortung, erfordert diese eine vor der Handlung zu leistende, sorgfältige Reflexion, in der eine beabsichtigte Handlungsweise ins Verhältnis mit situativ verbindlich geltenden normativen Forderungen gestellt wird. Diese Reflexion können die Ethikdebatten weder ersparen, noch verkürzen; ethisch-moralische Orientierung bieten sie dennoch.
Je nachdem, in welcher Stellung sich sozialberufliche Akteure befinden, ob sie zum Beispiel ein Verband oder ein Unternehmen sind oder Sozialarbeiter:innen in einem konkreten Arbeitsfeld, eine Einrichtung leiten oder auf der Ebene der Wohlfahrtsverbände agieren, wechselt der normativ ethische Bezugsrahmen, innerhalb dessen sie ihre situativen Entscheidungen begründen bzw. rechtfertigen müssen. Die heuristische Trennung der in den Debatten enthaltenen sozial-, individual-, professions- und organisationsethischen Dimensionen hat gezeigt, worin dieser Bezugsrahmen Sozialer Arbeit jeweils besteht. Die laufenden Diskurse weisen so gewissermaßen Landmarken aus, an denen sich Akteure orientieren sollten, wenn sie auf dem Gelände einer sich digital transformierenden Sozialen Arbeit nicht auf Abwege geraten wollen.
Wer etwa auf der Ebene personenbezogener Praxis agiert und damit auf die Lebenswelt von Personen Bezug nimmt, sollte seine Entscheidungen vor allem an der Frage orientieren, in welchem Verhältnis der Einsatz digitaler Instrumente zur Forderung steht, die Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebenssicherheit der konkret betroffenen Klient:innen, zu erhalten und zu fördern. Gerechtfertigt ist die Nutzung digitaler Mittel im personenbezogenen Handlungskontext nämlich nur dann, wenn und insofern sie den genannten Werten nicht schadet und zugleich geeignet ist, mindestens auf einen der geforderten Aspekte, positiv zu wirken. Und in anderen Rollen, etwa in der Rolle der Leiterin einer Einrichtung, sollten Akteure Sozialer Arbeit ihre Reflexionen entsprechend an denjenigen Normen und Werten orientieren, die für diesen Handlungsbereich verbindlich sind. Landmarken, die aus den laufenden Diskursen bezogen werden können, bestehen somit in normativ ethischen Orientierungspunkten und nicht in Bewertungen bestimmter digitaler Technologien.
Die aus den Diskursen gewonnenen Landmarken sind ethische Orientierungspunkte, die im normativen Selbstverständnis Sozialer Arbeit fundiert sind und an die Reichweite von konkreten Handlungsentscheidungen anknüpfen. Und zwar an die Reichweite von Entscheidungen, die von den verschiedenen sozialberuflichen Rollen und mit ihnen verbundenen Aufgaben abhängt. Die in dieser Weise differenzierte ethisch-moralische Orientierung ist überaus bedeutsam. Denn nur wenn sich die Akteure Sozialer Arbeit an den mit ihrer jeweiligen Rolle verknüpften ethischen Landmarken orientieren, kann sichergestellt werden, dass die Identität des gesamten Fachs Soziale Arbeit von digitalen Innovationen unbeschadet erhalten bleibt.
Fazit und Ausblick
Welche digitalen Technologien in der Perspektive Sozialer Arbeit als willkommene Innovationen zu beurteilen sind, ist noch nicht ausgemacht. Bei Entscheidungen darüber, ob es im Konkreten verboten, erlaubt oder sogar geboten ist, beispielsweise eine bestimmte Software zu nutzen oder digitale Infrastruktur zu implementieren, wird es ganz erheblich darauf ankommen, wie sorgfältig die Akteure Sozialer Arbeit ihr jeweiliges Urteil begründen. Eine solche Sorgfalt an den Tag zu legen, ist allerdings eine ausgesprochen voraussetzungsreiche und keineswegs einfach zu erfüllende Aufgabe. Einmal abgesehen von rein pragmatischen Hindernissen, die etwa darin bestehen, im Beruf nicht genügend Zeit für die nötigen Reflexionen aufwenden zu können, mangelt es oftmals an den für eine angemessene Urteilsbildung erforderlichen Kenntnissen und Kompetenzen. Und zwar vor allem an Kenntnissen und Kompetenzen in den Bereichen der Medienbildung und der ethisch-moralischen Argumentation.
Ohne Übertreibung ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die erste spürbare digitale Transformation Sozialer Arbeit in einer Erweiterung des nötigen Kenntnis- und Kompetenzprofils ihres Personals besteht. Sozialarbeiter:innen sollten die medialen Strukturen digitaler Technologien verstehen und sie sollten in der Lage sein, mit guten Gründen zu entscheiden, welche Mittel sie einsetzen sollten und welche nicht, um ihre konkreten beruflichen Handlungsziele zu erreichen. Wenn das Fach Soziale Arbeit im Zuge seiner eigenen Digitalisierungen sein Selbstverständnis sichern will, wird es also bald für Medienbildung und ethisch-moralische Argumentationskompetenz seines Personals Sorge tragen müssen (vgl. Siller u.a 2020).
Damit sind dann zunächst einmal die Konstrukteur:innen von relevanten Studiengängen und Weiterbildungsmaßnahmen auf den Plan gerufen, denn an ihnen liegt es, das mit der Professionalität von Sozialarbeiter:innen verbundene Profil zu verankern. Allzu eng sollte man entsprechende Bildungsangebote allerdings nicht fassen, denn warum sollten Akteure Sozialer Arbeit die digitalen Instrumente, die sie nutzen wollen, nicht selbst konstruieren? Neben weitreichenden Medienkompetenzen im Sinne einer auch pädagogisch zu verstehenden „media literacy“, sind entsprechend auch profunde IT-Kompetenzen zu fördern.
Raum für konstruktive Digitalisierungsideen zu schaffen und zu ihrer Realisierung zu ermutigen, täte jedenfalls dem gesamten Fach Soziale Arbeit gut: der Profession genauso wie der Disziplin.
Auf der Basis einer in dieser Weise profilierten Professionalität Sozialer Arbeit ist dann zu erwarten, dass sich das gesamte Fach verstärkt auch konstruktiv für digitale Instrumente einsetzt. Fachleute Sozialer Arbeit könnten der bislang vorherrschend am wirtschaftlichen Profit orientierten Konstruktion digitaler Infrastrukturen und Instrumente dann etwas entgegensetzen. Mit expliziter Orientierung an Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und dezidiertem Interesse an der unbeeinträchtigten sozialen Existenz des Einzelnen könnten sie digitale Technologien mit Modellcharakter konzipieren, infor-matisch realisieren und implementieren.
Bis das ganze Fach so weit ist, die Vision einer menschengerechten und sozial verträglichen Digitalisierung zu entwickeln, wird es wohl noch etwas dauern. Die aktuelle Diskurslandschaft zeigt jedoch, dass man auf allen Ebenen Sozialer Arbeit in die richtige Richtung geht. Solange die Diskurse mit gleichbleibender Wachsamkeit und (selbst-)kritischem Impetus geführt werden, wird man sich um die normative Identität Sozialer Arbeit jedenfalls keine Sorgen machen müssen.
Literaturverzeichnis
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Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit IEditorial
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Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit IDie Macht der Muster Die Ethik der Sozialen Arbeit vor professionsbezogenen und gesellschaftlichen Herausforderungen durch 'künstliche Intelligenz' [1]
Abstract Dieser Beitrag gibt einen Überblick über ethische Fragen, die sich beim Einsatz von KI-Algorithmen in der Sozialen Arbeit stellen. In Bezug auf konkrete Anwendungsszenarien akzentuiert er insbesondere Fragen der Transparenz, der Diskriminierung und der Selbstbestimmung. Darüber hinaus wird erläutert, dass KI-Technologie insgesamt eine gesellschaftsprägende Kraft entfaltet und sich daher für die Soziale Arbeit relevante ethische Fragen weit über den konkreten Technikeinsatz hinaus stellen. Diese betreffen beispielsweise die Gestaltung des Wirtschafts- und Sozialsystems, den Bereich des Politischen, die Grundstruktur sozialer Interaktion, das Selbstverständnis des Menschen und letztlich auch metaethische Grundlegungsfragen.
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[1] Dieser Beitrag wurde wesentlich angeregt durch den Austausch in der Fachgruppe Ethik der DGSA und beim Arbeitskreis für theologische Wirtschafts- und Technikethik. Diese Impulse können nicht einzeln ausgewiesen werden – doch den Kolleginnen und Kollegen sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.