EthikJournal

László Kovács (Augsburg)

Zur Rolle der Ethik in der Sozialen Arbeit

Ethik hat sich zu einem wichtigen Teil der Sozialen Arbeit entwickelt. Dem Selbstverständnis der Profession entsprechend ist ethische Reflexion für die Theorie der Sozialen Arbeit unerlässlich, um den Gegenstand der Sozialen Arbeit feststellen zu können und für die Praxis, um Entscheidungen in ihrem tiefen Wesen verstehen und begründen zu können. Die Reflexion über die leitenden Werte und Normen der Profession macht eine Kooperation zwischen professioneller Ethik und professioneller Sozialer Arbeit erforderlich.

Soziale Arbeit Ethik Theorie Praxis Begründung

Soziale Arbeit als Profession ist durch die aktuelle Verunsicherung moralischer Werte in der Gesellschaft zunehmend in der Pflicht, eigene Wertmaßstäbe zu setzen und diese zu begründen. Die ethische Reflexion über die professionelle Soziale Arbeit ist nicht neu. Sie gehörte von früh an zur Praxis der Profession. Dabei darf diese Reflexionsarbeit nicht stehen bleiben, denn nicht nur die professionsrelevanten Herausforderungen in der Gesellschaft sind einer Wandlung unterworfen, sondern auch die Antworten der Profession auf diese Herausforderungen entwickeln sich. Es kommt beispielsweise zu neuen Differenzierungen und zur Bildung von neuen Arbeitsfeldern. Aber nicht nur die professionelle Soziale Arbeit macht Fortschritte, sondern auch die professionelle Angewandte Ethik. Allerdings stehen einer gelungenen Kooperation zwischen professionellen Sozialarbeitern und professionellen Ethikern noch immer viele professionelle Vorbehalte im Weg. Man muss sich fragen, welche Rolle – wenn überhaupt – der professionellen Ethik in der professionellen Sozialen Arbeit zukommen soll und warum. Im vorliegenden Aufsatz versuche ich eine Antwort auf diese Frage zu entwickeln. Zunächst frage ich danach, welche Rolle der Ethik in der Theorie und welche ihr in der Praxis der Sozialen Arbeit zukommt. Ich werde zeigen, dass sowohl die Theorie als auch die Praxis der Sozialen Arbeit ethische Reflexion erfordert. Im Anschluss werden Bedenken angesprochen, die sich gegen die Integration professioneller Ethik in der Sozialen Arbeit sprechen. Hierfür erscheint es wichtig, auf die Unterscheidung zwischen Moral und Ethik einzugehen. Die differenzierte Betrachtung einzelner Methoden der Ethik würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb beschränke ich mich auf die Diskussion des Verhältnisses zwischen professioneller Ethik und professioneller Sozialer Arbeit und beschreibe eine Art Kooperation, durch die sich die zwei Disziplinen gegenseitig bereichern können. Worin der Gewinn dieser Kooperation besteht, wird an einem Fallbeispiel erläutert: die das Handeln der Profession leitenden Werte werden besser verstanden und sie werden praktisch umsetzbar.

Über die Etablierung ethischer Reflexion in der Sozialen Arbeit

Die ersten Schritte der Institutionalisierung der Sozialen Arbeit gehen auf die Herausbildung der modernen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zurück. Die neuen gesellschaftlichen Strukturen der industrialisierten Länder haben nach einer sozialen Versorgung von Menschen verlangt, deren Lebensbedingungen durch die gesellschaftlichen Strukturen erschwert wurden. In den frühen Jahren der Industrialisierung wurden Probleme wie Alkoholismus, Kriminalität, Armut, Gewalt etc. mit der niedrigen moralischen Qualität der betroffenen Individuen erklärt. Diese Annahme wurde Ende des 19. Jh. zunehmend widerlegt. Stattdessen wurden für diese Probleme Ursachen in der gesellschaftlichen Struktur und im Milieu gefunden. Folglich bestand die Herausforderung nicht mehr in der Untersuchung und der Veränderung moralischer Schwäche, sondern primär in der Veränderung ungünstiger gesellschaftlicher Strukturen. Sozialarbeiter[1] entwickelten Ideen, wie gute gesellschaftliche Strukturen aussehen, die die Entstehung dieser Probleme nicht befördern, sondern verhindern können, und setzten sich für diese Strukturen ein. Ihre Arbeit verdient moralische Anerkennung, d.h. war moralisch gut und richtig. Deshalb wurde diese frühe Entwicklungsphase der Sozialen Arbeit von Frederic G. Reamer als die „moralische Phase“ der Profession bezeichnet (Reamer 1998, 489).

Eine ethische Reflexion war zu dieser Zeit noch kein Bestandteil der professionellen Sozialen Arbeit. Grund dafür war nicht zuletzt die professionelle Ethik der Zeit, die sich vor allem der Entwicklung von Theorien und abstrakter Prinzipien widmete. In der professionellen Sozialen Arbeit ging es zu dieser Zeit um die Verbesserung der sozialen Praxis. Eine theoretische Reflexion über die leitenden Normen und Werte wurde noch nicht geleistet. Das Fehlen dieser theoretischen Reflexion hat mitunter dazu beigetragen, dass sich die praktische Soziale Arbeit von den die Veränderung der moralischen Normen in der Gesellschaft nicht hinreichend abgrenzen konnte. So wurden weltweit in vielen Ländern staatlich geförderte eugenische Programme durchgeführt, mit denen die „Mehrheit“ oder die „besseren Bürger“ vor dem Einfluss zweier Faktoren, nämlich des „schlechten Milieus“ und des „schlechten Erbgutes“ bewahrt werden sollten (Ellis 1911; Baur u. a. 1921). Im Rahmen dieser menschenverachtenden Programme wurden zahlreiche Sozialarbeiter der Zeit beschäftigt, bzw. in ihrer Profession missbraucht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die ethische Reflexion in der Sozialen Arbeit lebendig. In dieser Zeit wurden die leitenden Werte der Profession in Worte gefasst, transparent gemacht und als Wertmaßstäbe für eine gute Soziale Arbeit festgehalten. Reamer bezeichnet diese Phase als die Phase der Wertexploration. Wesentlich für diese Phase ist, dass sich nicht mehr nur der individuelle Sozialarbeiter fragte, welche Werte und welche moralischen Normen er in seine Arbeit mitbringt.[2] Nun wollte sich die gesamte Profession für die professionellen Entscheidungen normative Standards bestimmen.

Diese Wende hin zur Ethik bedeutete vor allem eine explizite Auseinandersetzung mit den Regeln und Normen der professionellen Sozialen Arbeit. In Anlehnung an die Entwicklungen in der Medizinethik wurden auch in der Sozialen Arbeit Prinzipien der mittleren Begründungsebene formuliert, diese professionellen Prinzipien wurden zugleich hinterfragt und begründet. Es begann eine theoretische Diskussion über die leitenden Werte und Normen. Ein typisches Merkmal der Integration der Ethik in die Profession waren die Diskussionen über hypothetische oder reale Entscheidungsdilemmata. In diesen Fallanalysen wurden Diskretion, Autonomie, Aufklärung, Lügen, Paternalismus, etc. besprochen, als Prinzipien gegeneinander abgewogen und ihre Folgen für den Einzelfall, für die Betroffenen und für die gesamte Profession bewertet (Reamer 1998, 492). Bei der Suche nach Lösungen wurde explizit auf verschiedene Ethiktheorien zurückgegriffen. Auch über den Prozess der Entscheidungsfindung wurde nachgedacht und es wurden unterschiedliche Modelle der ethischen Entscheidungsfindung ausgearbeitet. Nicht zuletzt wurden ab 1960 professionsethische Kodizes formuliert. Im ersten dieser Kodizes, dem der National Association of Social Workers, standen 14 Verpflichtungen – formal in Anlehnung an den Eid des Hippokrates. In der revidierten Fassung 1979 sind bereits fast 80 ethische Prinzipien der Profession niedergelegt worden (Reamer 1998, 492f). Diese Zahlen weisen darauf hin, dass die Ethik einen Weg in die Profession der Sozialen Arbeit gefunden hat.

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[1] In diesem Text wird der Übersichtlichkeit und Lesbarkeit halber die männliche Form für beide Geschlechter verwendet.

[2] Bis dahin galt es für den professionellen Sozialarbeiter, sich von den eigenen Werten zu distanzieren, damit er dem Klienten seine subjektiven Wertvorstellungen nicht aufzwingt.

Wo steht die Ethik heute in der Sozialen Arbeit?

Trotz der faktischen Ausbreitung sollte man sich fragen, warum ein Platz für die Ethik in der Sozialen Arbeit erforderlich und wo der angemessene Platz der Ethik in der Profession ist. Manche Angehörige der Profession könnten meinen, dass Ethik gar nicht in, sondern außerhalb der Sozialen Arbeit zu verorten ist. Die zwei Felder könnten übereinander nachdenken, aber eine Kooperation zwischen den beiden wäre nicht nötig. Die historische Analyse zeigt, dass diese Meinung selten geworden ist. Doch das Wozu dieser Kooperation wird mit dem Hinweis auf die Geschichte noch nicht beantwortet.

Für das Wozu eines Austausches zwischen Ethik und Sozialer Arbeit wird von vielen Angehörigen der Sozialen Arbeit eine einseitige Erwartung an die Ethik formuliert. Man fragt, wozu Ethik in der Praxis nützlich ist. Wenn die Frage so lautet, wird sie nicht sehr häufig nützlich gefunden, denn in den meisten Fällen sieht ein professioneller Sozialarbeiter keinen Anlass für eine aufwendige ethische Analyse seiner Handlungen. Selbst bei einer wichtigen moralischen Entscheidung kann er sich meistens auf seine Intuition verlassen. Nur in wenigen Fällen sind praktizierende Sozialarbeiter verunsichert und sehen in der Ethik eine Entscheidungshilfe. Sie bewerten die Ethik nach ihrem Nutzen in alltäglichen Entscheidungen, bei der Lösung von Dilemmata. Wenn Ethik hier keine eindeutige Lösung anbieten kann, gilt sie als nutzlos oder gar als Belastung.

Andere Sozialarbeiter würden der Ethik viel mehr Raum geben und die ganze Profession generell auf ihre Regeln, Normen und Werte prüfen (lassen). Das ist insofern richtig, als dass die Soziale Arbeit eine Profession mit hoher moralischer Relevanz für die Gesellschaft ist. Allerdings geht mit dieser Erweiterung des Arbeitsfeldes der Ethik einher, dass die Soziale Arbeit verlassen wird. Vertreter dieser Position fragen nicht mehr nach der Ethik in der Sozialen Arbeit, sondern wollen die Praxis der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft reflektieren. In dieser Erweiterung verliert man die Reflexion über die professionellen Haltungen und Entscheidungen aus den Augen. Die Innen- und die Außenperspektive sollte man deshalb auseinanderhalten. In einer „Ethik der Sozialen Arbeit“ aus der Außenperspektive kann und soll man über den moralischen Stellenwert der Sozialen Arbeit in einer Gesellschaft sprechen. Man soll Fragen stellen wie: Ist es gut, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der es professionelle Soziale Arbeit gibt? Warum ist es gut, in einer Gesellschaft professionelle Soziale Arbeit institutionell zu verankern und anzubieten? Welche Funktionen der Sozialen Arbeit sind gesellschaftlich erwünscht? Diese Fragen betrachten die Soziale Arbeit aber nicht von innen. Die „Ethik in der Sozialen Arbeit“ untersucht die Innenperspektive, aus der heraus andere Fragen gestellt werden, z.B. „Warum ist es für die Angehörigen der Profession besser, eine ethische Reflexion zu haben, als sie nicht zu haben?“ „Was gewinnt die Profession und was gewinnen Sozialarbeiter durch die theoretische Reflexion ihrer professionellen Normen und Werte?“ Die Leistung der Ethik in der Sozialen Arbeit besteht nicht darin, dass sie die Soziale Arbeit gesellschaftlich rechtfertigt und auch nicht allein darin, dass sie die individuelle Verunsicherung überwindet, weil sie Dilemmata löst. Die Leistung einer anwendungsorientierten Ethik manifestiert sich vor allem im tieferen Verständnis der leitenden Werte und Normen professionellen Handelns. Diese Frage stellt sich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis einer jeden Profession – in der Sozialen Arbeit in einer besonderen Weise.

Ethik in der Theorie der Sozialen Arbeit

Die Soziale Arbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer vollwertigen Profession entwickelt. Zur theoretischen Fundierung verfügt sie zugleich über mehrere Paradigmen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen und die Tätigkeit des Sozialarbeiters aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Gemeinsame Eigenschaft aller Paradigmen ist, dass sie das Wissen und die Methoden anderer Disziplinen für die Theorie der Profession verwerten. So werden Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Ökonomie, Politologie, Recht, und viele andere Disziplinen in die Wissenschaft der Sozialen Arbeit integriert. Insofern ist die Theorie der Sozialen Arbeit interdisziplinär verankert. Sie berücksichtigt aber auch nichtwissenschaftliches Wissen, wie z.B. die kulturellen Einstellungen der Klienten oder politische Strukturen. Deshalb kann man die Soziale Arbeit transdisziplinär nennen. Nun stellt sich die Frage, ob die Ethik, also die wissenschaftliche Reflexion über Werte und Normen, ein unerlässlicher Bestandteil der Theorie der Sozialen Arbeit ist?

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit hat im vergangenen Jahr ein Kerncurriculum für Soziale Arbeit veröffentlicht (DGSA 2016). Das Dokument teilt das notwendige Wissen für die Soziale Arbeit in sieben Bereiche, wobei der dritte Bereich „normative Grundlagen“ heißt und vor allem Recht und Ethik beinhaltet. Nach diesem Modell wird also Ethik als ein Teil der Theorie der Sozialen Arbeit verstanden. Auch die International Federation of Social Workers und die International Association of Schools of Social Work haben ähnliche Richtlinien erlassen und die Ethik als unerlässlichen Bestandteil der Ausbildung hervorgehoben. Sogar die Vereinten Nationen (1994) stellen in ihrer Empfehlung zur Ausbildung in der Sozialen Arbeit die Reflexion über die professionelle Wertgrundlage als zentral dar. In Anlehnung an diese Diskussion hat Silvia Staub-Bernasconi die Profession der Sozialen Arbeit als eine „Menschenrechtsprofession“ (vgl. Staub-Bernasconi 2001) und als eine „normative Handlungswissenschaft“ (vgl. Staub-Bernasconi 2009) bezeichnet. All diese Darstellungen legen nahe, dass ethische Fragen zum Kern der Profession gehören. Intuitiv stimmen dem wohl viele weitere Experten zu. Aber warum tun sie das? Warum gehört Ethik nach der Meinung so vieler Experten zur Theorie der Sozialen Arbeit?

Die Antwort wird klar, wenn wir untersuchen, was Soziale Arbeit ist. Die weithin anerkannte Definition der Sozialen Arbeit der International Federation of Social Workers aus dem Jahr 2014 lautet:

„Soziale Arbeit ist eine praxisorientierte Profession und eine wissenschaftliche Disziplin, deren Ziel die Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts sowie die Stärkung und Befreiung der Menschen ist. Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit. Gestützt auf Theorien zur Sozialen Arbeit, auf Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und indigenem Wissen, werden bei der Sozialen Arbeit Menschen und Strukturen eingebunden, um existenzielle Herausforderungen zu bewältigen und das Wohlergehen zu verbessern.“ (vgl. IFSW 2014, kursiv LK)

Die kursiv hervorgehobenen Schlüsselbegriffe der Definition sind eindeutig Begriffe, die ursprünglich nicht aus der Sozialen Arbeit, sondern aus der Ethik stammen. Auch der soziale Wandel als das wichtigste Ziel der Sozialen Arbeit ist nicht an sich gut, sondern man muss sagen, in welche Richtung ein Wandel wünschenswert ist. Denkbar sind ja auch schlechte oder unerwünschte Veränderungen. Die Soziale Arbeit soll natürlich zu einem „guten“ Wandel beitragen. Es ist nicht zu übersehen, dass die Definition den Gegenstand der Sozialen Arbeit im Rückgriff auf Begriffe der Ethik beschreibt. Viele Wissenschaften können ihren Gegenstand ohne diesen Rückgriff allein durch bestimmte Fakten oder Methoden erfassen. Die Biologie beschäftigt sich mit allem, was lebt. Die Soziologie erforscht das Zusammenleben der Menschen, zunächst rein beschreibend, d.h. ohne die Absicht einer Veränderung. Der Gegenstand der Medizin ist der kranke Mensch. Wenn jemand nachweislich krank ist, wird sich die Medizin ihm zuwenden (inzwischen ist jedoch klar, dass auch der Begriff der Krankheit ein hochgradig normativer Begriff ist, vgl. Schramme 2012). Die Soziale Arbeit kann ihren Gegenstand auf diese „wertneutrale“ Weise nicht bestimmen. Sie braucht einen expliziten Bezug zu moralischen Normen und Werten sowie zu Vorstellungen über das gute und gelingende Leben. Anhand von empirischen Tatsachen allein kann man nicht sagen, wem sich die Soziale Arbeit zuwenden soll. Physiker, Biologen, Kulturwissenschaftler oder Psychologen können mehr oder weniger genau sagen, was und warum der Gegenstand ihrer Disziplin ist, ohne auf Wertungen zurückzugreifen. Die Soziale Arbeit ist hingegen eine Profession, die in ihrem Wesen auf Werte und Normen und somit auf eine ethische Reflexion, angewiesen ist. Alle Disziplinen in diesem interdisziplinären Kontext mögen wichtig sein, aber die Ethik hat in der Theorie der Sozialen Arbeit eine hervorgehobene Stellung. Sie macht sich über den Kern, den Gegenstand der sozialen Arbeit Gedanken. Ohne diese Reflexion, z.B. ohne zu wissen, was sozial gerecht und ungerecht ist, wüsste man nicht, was Soziale Arbeit ist und was sie sein soll.

Ethik in der Praxis der Sozialen Arbeit

Wozu braucht man Ethik in der Praxis der Sozialen Arbeit? Man könnte meinen, der theoretisch und praktisch ausgebildete Sozialarbeiter erkennt die wesentlichen Ziele seiner Arbeit und er braucht die Ethik nur zur Erklärung oder Rechtfertigung dieser Ziele. Es wäre falsch, die Ethik für diesen Zweck zu verwenden. Ethik sollte den Zielen der Sozialen Arbeit nicht untergeordnet werden. Sie ist vielmehr dazu da, für die Praxis der Sozialen Arbeit einen rational begründeten guten Rahmen abzustecken und eine Orientierung anzubieten, wenn man z.B. bei einer Entscheidung verunsichert ist (s.o.). Die Profession und die professionellen Sozialarbeiter wollen ja Gutes tun und in der Ethik wird darüber nachgedacht, was gut ist.

Deshalb braucht die Profession eine Auseinandersetzung mit dem, was die allgemeine Ethik über „Gutes tun“ sagen kann. Die Ethik stellt verschiedene Theorien über das Gute auf. Diese Theorien unterscheiden sich darin, wie sie eine Handlung begründen, jedoch lassen sich für praktische Fragen große Gemeinsamkeiten zwischen den Theorien erkennen, die in Prinzipien der mittleren Ebene zusammengefasst werden. Solche Prinzipien sind z.B. Würde, Freiheit, Autonomie, Wohlbefinden, Gerechtigkeit, Solidarität, Verantwortung etc. Wie diese Prinzipien genannt werden und welchen Inhalt und welchen normativen Status sie haben, wird in der allgemeinen Ethik diskutiert. Für die anwendungsorientierte Ethik sollten diese allgemeinen Prinzipien trotz theoretischer Unterschiede zunächst für alle Menschen, d.h. auch für die Vertreter verschiedener Professionen gelten.

Wir kennen mittlerweile verschiedene Professionsethiken, z.B. Ethik in der Medizin, Ethik in den Ingenieurwissenschaften, Ethik in den Biowissenschaften, oder eben die Ethik in der Sozialen Arbeit. Diese Ethiken bleiben Teil der allgemeinen Ethik. Sie wollen keinen spezifischen Begriff des Guten erarbeiten, sondern folgen den gleichen Prinzipien. In dieser Hinsicht sind sie nicht speziell. Sie sind aber speziell, soweit der Handlungsspielraum einer Profession weiter und spezifischer ist als der alltägliche. Der Handlungsspielraum der Sozialen Arbeit ist weiter, wenn Sozialarbeiter Entscheidungen treffen können und sollen, die in die Privatsphäre von Klienten eingreifen, so wie der alltägliche Mensch das nicht kann und nicht soll. Die ethische Frage, „was soll ich als Mensch tun“, unterscheidet sich somit von der Frage, „was soll ich als Sozialarbeiter tun“. Die allgemeinen ethischen Prinzipien müssen für die spezielle Macht der Akteure der Sozialen Arbeit ausgelegt werden. Inwiefern ist aber die Ethik in der Sozialen Arbeit speziell, d.h. inwiefern sind die moralischen Herausforderungen typisch für die Profession?

4.1 Spezielle Interessenkonflikte in der Sozialen Arbeit

Die professionellen Handlungen in der Sozialen Arbeit stehen im Kontext von berufsspezifischen Interessen. Einerseits ist der Staat daran interessiert, die bestehende Ordnung und Moral zu erhalten. Aus der Perspektive des Staates kann die professionelle Hilfe der Sozialen Arbeit als Kontrolle verstanden werden (Kunstreich 2013). Der Staat beauftragt die Soziale Arbeit mit dieser Hilfe. Man spricht in diesem Sinne auch von einem Mandat der Sozialen Arbeit. Dieses Mandat ist nicht allmächtig. Wenn Sozialarbeiter in der bestehenden Ordnung der Gesellschaft Ungerechtigkeit erkennen, haben Sie eine moralische Pflicht, nicht nur dem betroffenen Individuum zu helfen, sondern dem Staat Anregungen zu geben, die soziale Ordnung zu ändern. Der gesellschaftliche Wandel ist ja laut Definition ein erklärtes Ziel der Sozialen Arbeit. Ein solcher Wandel lässt sich am ehesten argumentativ erreichen. Der Sozialarbeiter muss lernen, verschiedene Begriffe der Gerechtigkeit kritisch zu überprüfen und mit einem gut begründeten Begriff zu argumentieren. In dieser Hinsicht ist Soziale Arbeit immer auch eine politische, wenn auch keine parteipolitische Tätigkeit. Sie verändert Gesellschaft und Politik nach einer (reflektierten) Vorstellung vom Guten.

Das staatliche Mandat gibt der Sozialen Arbeit einen Spielraum. Die gesetzlichen Normen sind wenig sensibel für individuelle Lebenspläne. Diese Sensibilität muss die Soziale Arbeit mitbringen, damit sie die Probleme von Individuen auffangen kann. Im verfügbaren Spielraum soll die Soziale Arbeit Not und Chancen von Individuen beurteilen. Entscheidungen innerhalb des Spielraums sind nicht beliebig, sondern müssen gerecht und angemessen sein, sie müssen ethisch zu rechtfertigen sein. Bei der ethischen Reflexion geht es nicht nur darum, professionelle Dilemmasituationen, in denen der erfahrene Experte sich nicht entscheiden kann, möglichst gut aufzulösen, sondern auch um die Rechtfertigung von alltäglichen Entscheidungen. Wie viel Arbeitsaufwand soll der einzelne Sozialarbeiter in das Wohl eines Klienten investieren? Es reicht nicht aus, bei diesen Entscheidungen auf subjektive Intuitionen zu verweisen, denn das würde dazu führen, dass beim Umgang mit den Klienten unterschiedliche subjektive Intuitionen zu jeweils unterschiedlichen Urteilen führen, d.h. die professionellen Entscheidungen sind aus der Perspektive des Klienten nicht verlässlich.

Auf der anderen Seite steht ein zweites Mandat, die Interessen des Klienten. Die Definition der Sozialen Arbeit hebt auch das Wohl des Klienten als Ziel hervor. Also auch dieses Klienten-Wohl ist ein wichtiges Mandat. Nun ist aber dieses Klienten-Wohl häufig schwer zu bestimmen. Welches Wohl sollen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter denn fördern? Sollen sie den Klienten eine Freude machen? Sollen sie die objektiven Grundbedürfnisse befriedigen? Oder sollen sie ihre Klienten zu einem gesellschaftlich angepassten Leben führen? Oder die Fähigkeit fördern, nach der eigenen Vorstellung das Leben zu gestalten und selbst ein gelingendes Leben zu führen (Nussbaum 1998)? Oder ein Konzept wie die „Daseinsmächtigkeit“ (vgl. Gronemeyer 2002) als Wertgrundlage für das Wohl nehmen? Bei genauerer Betrachtung können hier unterschiedliche Ziele formuliert werden und der Sozialarbeiter in der Praxis muss wissen, was das Gelingen des Lebens oder die Daseinsmächtigkeit bedeutet, um zum Gelingen etc. beitragen zu können. Er muss zudem zwischen kurz- und langfristigem Gelingen abwägen, d.h. den Wert von kurz- und langfristigem Wohl in die Praxis umsetzen. Manche dieser Wertentscheidungen können mit dem Klienten besprochen, andere müssen für das Gespräch bereits vorausgesetzt werden.

Dieses Doppelmandat von staatlichen und Klienten-Interessen (Böhnisch, Lösch 1973) wird durch ein drittes ergänzt: Die Soziale Arbeit als Profession ist eine autonome Profession, d.h. sie kann sich selbst ein Gesetz geben. Sie kann ihre eigenen Handlungskompetenzen definieren und muss sich nicht sagen lassen, was sie tun und lassen soll. Das hat sie getan, indem sie ein Ethik-Kodex bzw. mehrere Verhaltenskodizes formuliert hat. Angehörige der Profession haben auch diesem dritten Mandat zu folgen (Staub-Bernasconi 2007).

Dieter Röh spricht sogar von einem vierten Mandat, das nicht allgemein die Gesellschaft, sondern die spezifischen Institutionen auftragen, in denen Soziale Arbeit geleistet wird (Röh 2013, 68f). Der Arbeitgeber verkörpert nicht nur die Interessen des Staates und der Gesellschaft, sondern häufig die institutionellen Interessen. Diese Interessen sind nicht nur wirtschaftlicher Art. Das Interesse des Arbeitgebers ist auch, eine gelingende Kooperation zwischen verschiedenen Professionen zu fördern. Beschäftigte aus anderen Professionen haben jeweils andere professionsethische Normen, die untereinander nicht immer leicht vereinbar sind.

Alle vier Mandate werfen ethische Probleme und Konflikte für sich auf. Zudem sehen wir, dass unter diesen Mandaten oder Interessen eine Balance in der Praxis gefunden werden muss. D.h. der Sozialarbeiter folgt im Konfliktfall entweder mehr dem Arbeitgeber oder den professionsethischen Normen, entweder den Interessen des Klienten oder den Interessen des Staates.

Der Konflikt zwischen verschiedenen professionsspezifischen Interessen mag in anderen Professionsethiken ähnlich sein. Speziell für die Soziale Arbeit ist jedoch der permanente ethische Rechtfertigungsdruck, denn Angehörige der Profession haben einerseits mit Menschen zu tun, die Ungerechtigkeitserfahrungen gemacht und Benachteiligung in der Gesellschaft erfahren haben. Diese haben eine hohe Sensibilität für die moralische Dimension der professionellen Handlungen. Andererseits sind Sozialarbeiter mit Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen konfrontiert, die verschiedene Vorstellungen vom guten Leben und von der Gerechtigkeit forcieren. Auch deshalb müssen Sozialarbeiter sehr gut darin geübt sein, die leitenden Werte ihrer Entscheidung zum Ausdruck zu bringen und ihre Entscheidungen allen gegenüber zu rechtfertigen. Das gilt nicht nur für Dilemmata oder Fälle, bei denen eine professionelle Verunsicherung zu spüren ist. Es gehört zum alltäglichen Handeln dazu, die Handlungen ethisch zu reflektieren und die Gründe für die Handlung transparent zu machen.

4.2 Das Verhältnis zwischen professioneller Sozialer Arbeit und professioneller Ethik

Nun kann man bei der Betrachtung der Praxis den Eindruck gewinnen, dass Sozialarbeiter in der Praxis all diese Erwartungen bereits ohne eine professionelle Ethikausbildung erfüllen. Sie gehen kritisch mit den Strukturen der Macht um, nutzen ihren Spielraum für die Klienten gerecht und einigen sich über professionelle Werte und Normen. Wozu braucht man noch eine professionelle Ethik in der Sozialen Arbeit? Ist die professionelle Ethik für die praktische Soziale Arbeit keine Behinderung oder Bevormundung? Es wäre ein schwerer Fehler, wenn das der Fall wäre. Das Verhältnis der beiden Disziplinen in der interdisziplinären Praxis soll kein Ringen um die Herrschaft übereinander hervorbringen, sondern eine Kooperation und ein Ringen für die besten Ergebnisse, für ein tieferes Verstehen der Profession und für die guten Gründe der professionellen Handlungen.

Bevor Sozialarbeiter in der Kooperation mit Ethikern eine Kritik ihrer persönlichen Moral erkennen, sollte klargestellt werden, was Ethik und was Moral ist, denn die inkonsequente Verwendung der beiden Wörter hat schon viele Verwirrungen und sogar Kränkungen verursacht. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Ausdrücke „Ethik“ und „ethisch“ oder „Moral“ und „moralisch“ in vielen Bedeutungen verwendet, leider häufig auch durcheinandergebracht. Vielfach wird Moral in der Alltagssprache mit einer negativen Bedeutung verknüpft (vgl. das Verb „moralisieren“), und stattdessen „Ethik“ oder „ethisch“ verwendet, denn es klingt sachlicher als „moralisch“ (vgl. „unethisches Verhalten“ anstatt „unmoralisches Verhalten“). Professionelle Ethiker bemühen sich seit langem, eine konsequente Unterscheidung zwischen Ethik und Moral auch in der Alltagssprache durchzusetzen, denn zwei sehr verschiedene Inhalte müssen getrennt behandelt werden. Durch das Wort „Moral“ wird das komplexe System der Regeln, Normen, Wertmaßstäbe bezeichnet. Ethik hingegen bedeutet die theoretische Reflexion über die Moral, also über die Regeln, Normen und Wertmaßstäbe. Die Ethik verhält sich zur Moral wie die Rechtsphilosophie zum Recht oder die Religionsphilosophie zur Religion (Birnbacher 2013, 2). In der Ethik werden die moralischen Regeln des Handelns hinterfragt und begründet. Wenn jemand also keine theoretische Reflexion über seine moralische Handlung leistet, handelt er vielleicht automatisch moralisch richtig und seine Handlungen würden aus theoretischer Sicht für sehr wertvoll gehalten. Genauso wie jemand sich ohne jegliches Wissen über die Rechtsphilosophie rechtmäßig und ohne jegliches Wissen über die Religionsphilosophie religiös verhalten kann.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der professionellen Ethik und der professionellen Sozialen Arbeit. Ich will mit einem Beispiel erklären, warum und wie eine Kooperation zwischen den beiden Disziplinen nützlich ist. Autofahrer wissen intuitiv, wie schnell Sie in eine Kurve hineinfahren dürfen, wenn Sie keinen Unfall bauen wollen. Im Winter, bei Glatteis werden sie vorsichtiger. Wenn es doch zum Unfall kommt, wird ein Fachmann bestellt. Dieser misst den Bremsweg und die Geschwindigkeit, schaut nach der Bremskraft und nach der Griffigkeit der Reifen; er prüft also die Ursachen des Unfalls und weiß, wonach er schauen soll. Er kann sogar vor dem Unfall die optimale Geschwindigkeit für diese Kurve berechnen und damit womöglich die Aufstellung eines Warnschilds am Straßenrand begründen. Ein solcher Fachmann berät auch Piloten der Formel 1 und steht mit diesen in enger Kooperation. – Dann stellt sich aber vielleicht heraus, dass der Fachmann gar nicht Auto fahren kann oder bestimmt nicht so gut wie der Formel 1-Pilot. Der Fachmann verfügt „nur“ über empirisches und methodisches Wissen. Natürlich ist Ethik keine Physik, die vorliegende Fakten untersucht. Ethik untersucht Werte und Normen einer Praxis. Diese lassen sich aber oft noch schwieriger erkennen als die physikalischen Eigenschaften eines Geschehens. Sie verbergen sich vielleicht unter einem Schleier der Selbstverständlichkeit, der Routine oder der Notwendigkeit. Außerdem sind sie häufig stark miteinander verflochten. Der Ethiker ist dafür professionell ausgebildet, Wertungen aufzudecken, Begriffe für sie zu finden und sie differenziert zu diskutieren.

Der Formel 1-Pilot und der Physiker stehen also in einer dauerhaften Kooperation. Wann sollte aber ein professioneller Ethiker in der Sozialen Arbeit eingebunden werden? Angehörige der Sozialen Arbeit könnten meinen, die ethische Reflexion sollte allein dann geleistet werden, wenn auf den etablierten Wegen in der Praxis keine Lösung gefunden werden kann. Sie könnten das grundsätzliche Hinterfragen von allen Entscheidungen als Belastung für ihre Praxis empfinden. Drei typische Einwände gegen die explizite Einbindung von professionellen Ethikern in die Soziale Arbeit lauten:

  1. „Wir haben dafür doch keine Zeit!“ In der Tat scheinen Wertdiskussionen endlos zu sein. Selbst eine gut moderierte Ethikberatung nimmt in der Regel mehr als eine Stunde in Anspruch und am Ende stehen nicht immer definitive Lösungen. Das wäre nicht alltagstauglich. Doch eine ethische Analyse muss nicht von Fall zu Fall geleistet werden. Vielmehr sind unterschiedliche Falltypen zu reflektieren und aus ihnen lassen sich allgemeine Schlüsse ziehen oder weitere Differenzierungen ableiten. In manchen Fällen ist aber das Hinterfragen grundsätzlicher Werte hilfreich und notwendig, auch wenn anscheinend alles gut läuft (s.u. das Beispiel).

  2. „Ethische Reflexion behindert die vertrauensvolle Beziehung zwischen Angehörigen der Profession und den Klienten!“ Damit wird behauptet, die Beziehung zum Klienten sei durch die Einbeziehung von anderen Experten gestört. Ob das der Fall ist, hängt tatsächlich zum Teil von der Art der ethischen Reflexion ab. Es gibt viele Ansätze, die dieser Befürchtung widersprechen. Andererseits könnte die Befürchtung auf eine falsche Vorstellung von ethischer Reflexion in der Entscheidungsfindung zurückgehen. Vielleicht würde der Klient entgegen der Erwartung des Sozialarbeiters der expliziten Wertanalyse der Entscheidung offen gegenüberstehen. Zumindest ist eine solche Haltung von Klienten in anderen Praxisfeldern zu beobachten.

  3. „Das bringt noch mehr Administration!“ Angesichts der zunehmenden Bürokratisierung der Sozialen Arbeit ist das auch ein verständlicher Einwand. Die ethische Reflexion sollte unbedingt schriftlich festgehalten werden. Aber es geht nicht zuerst um das schriftliche Festhalten, sondern um die Erörterung der wichtigsten Werte einer Handlung und das ist keine nebensächliche Arbeit. Auch der Zeitfaktor ist kein gutes Argument, wenn es darum geht, die leitenden Werte und Normen der professionellen Handlung zu hinterfragen und zu begründen.

Die Vorbehalte aus der Praxis sollten trotz aller Rechtfertigung der Ethik ernst genommen werden. Ethik sollte praxisrelevant und vor allem auch bei schwierigen Entscheidungen hilfreich sein. Doch wäre falsch, wenn Ethik nur in unsicheren Fällen zur Hilfe geholt würde, wenn die Intuitionen versagen. In allen anderen Fällen hingegen, in denen die Lösung „selbstverständlich“ ist, bräuchte man nicht nachdenken, warum man etwas tut und warum man sich auf die Intuitionen, die etablierten und verinnerlichten Maßstäbe der Profession verlässt. Angewandte Ethik hat einen anderen Anspruch. Sie will sich nicht allein mit der Lösung von Dilemmata beschäftigen. Aus der Perspektive der angewandten Ethik ist eine Einteilung zwischen klaren und unklaren, selbstverständlichen und nicht-selbstverständlichen Entscheidungen nicht relevant. Die Ethiker fragen auch dann nach dem Warum, wenn alle Vertreter der Profession einer Lösung intuitiv zustimmen.

Sozialarbeiter bringen eine Menge an moralischen Gefühlen, Intuitionen und kulturellen Einstellungen mit in ihre Arbeit. Ihre Sozialisierung durch die Ausbildung ergänzt dies mit professionell motivierten moralischen Wertungen. Sie erwerben also eine moralische Spezialbrille, die manche Teile der Wirklichkeit vergrößert, besonders differenziert erscheinen lässt, andere hingegen beinahe ausblendet. Die professionelle Ethik hilft ihnen die persönlichen, kulturellen oder beruflichen moralischen Intuitionen zu entdecken, rational zu überprüfen und womöglich zu korrigieren. Aber wie gesagt, in der Ethik geht es vor allem nicht um die Korrektur der subjektiven Wertungen, sondern um die Suche nach der besten Handlung und der besten Begründung. Die beste Handlung eines Formel 1 Piloten ist die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen. Für einen Sieg bekommt er die höchste Anerkennung und diese Anerkennung wird nicht geringer, wenn sich herausstellt, dass er sich vor dem Rennen von Experten beraten ließ. So wie Piloten der Formel 1 verlieren Sozialarbeiter nicht an Anerkennung für ihre Tätigkeit, wenn sie sich von verschiedenen Fachkräften, d.h. auch von Ethikern beraten lassen. Den Herausforderungen der Sozialen Arbeit sind inzwischen nur interdisziplinäre Ansätze gewachsen.

Ein guter Sozialarbeiter muss gut handeln und anderen erklären können, warum er so handelt. Man könnte auch zeigen, dass auf ein Problem alle (guten) Sozialarbeiter in der gleichen Weise reagieren würden oder dass eine bestimmte Behandlung eines Falls in der Profession als selbstverständlich gilt. Aber das sind noch keine guten Begründungen. Die Ethik fragt ja danach, warum alle guten Sozialarbeiter so reagieren würden. Möglicherweise gibt es unterschiedliche Gründe für die gleiche Handlung, und wenn die Gründe unterschiedlich sind, werden bereits bei einer leichten Änderung des Problems unterschiedliche Handlungsoptionen gewählt. Die Ethik möchte deshalb auch bei „selbstverständlichen“ Handlungen die normative Grundlage untersuchen.

Für die Wichtigkeit der Hinterfragung der leitenden Werte in alltäglichen Entscheidungen möchte ich abschließend ein Beispiel geben. Eine Studentin der Sozialpädagogik mit Migrationshintergrund ist in einer Prüfung nach mehrfacher Wiederholung immer durchgefallen, bis alle ihre Prüfungschancen verbraucht waren. Sie wurde von ihrem Mentor ermutigt, einen Antrag auf eine Sondergenehmigung eines weiteren Versuchs zu stellen. Nach der Einschätzung des Mentors könnte die Studentin die Prüfung bestehen, wenn sie sprachlich besser wäre. Sie brauche bei der Beantwortung der Fragen mehr Zeit als ihre Kommilitonen, deshalb falle sie durch. Nun stellte die Studentin einen Antrag auf die Sondergenehmigung einer weiteren Prüfung an den Dekan der Fakultät mit der angegebenen Begründung. Der Dekan befragte daraufhin eine kleine Gruppe von Kollegen, ob er die weitere Prüfung genehmigen soll. Die Frage war einfach: Soll er einen weiteren Versuch genehmigen oder nicht? Alle stimmten zu, die Prüfung wurde genehmigt.

Bei genauerer Betrachtung ist die Frage nicht mehr so einfach. Eine solche Entscheidung kann mit einer falschen Begründung auch ungerecht sein. Aus welchem Grund wird so entschieden? Die Fakultät rühmt sich mit der Qualität der Ausbildung. In dieser Hinsicht will niemand nachgeben. Eine gute sozialpädagogische Ausbildung wird nicht nur von der Hochschule, sondern auch von der Gesellschaft gewünscht. Deshalb sind die Prüfungskriterien so gewählt, dass ungeeignete Studenten das Studium abbrechen müssen. In diesem Fall ging es aber – so wurde behauptet – nicht um mangelnde fachliche Kompetenzen, sondern um mangelnde Sprachkompetenz. Wenn diese Studentin die Chance auf einen weiteren Prüfungsversuch bekommt, können einige (vor allem ausländische) Studenten mit mangelnder Fachkompetenz behaupten, sie können auch nicht so gut Deutsch und brauchen eine zusätzliche Chance. Es könnten als Folge Studierende mit anderen Problemen eine weitere Prüfungschance beanspruchen, wenn sie sagen, sie hätten ausreichende Fachkompetenz und nur fachfremde Probleme stünden ihnen im Weg wie z.B. ein langsames oder schlechtes Auffassungsvermögen, oder chronische Faulheit. Es ist schwer, in solchen Fällen eine Grenze zu ziehen und sie gut zu begründen. Bei einer Ausweitung der akzeptablen Gründe verfehlt die Fakultät ihren gesellschaftlichen Auftrag. Soll der Dekan die mangelnde Sprachkompetenz als Begründung nicht akzeptieren, weil die Entscheidung zu intransparenten Einzelentscheidungen in der Zukunft führen würde, bei denen Gerechtigkeit nicht zu garantieren ist?

Man erkennt, dass bei solchen einfachen Entscheidungen das ganze Wesen einer Profession, einer sozialen Praxis betroffen ist und die Entscheidung auf diese Grundlage zurückgreifen muss, um gerecht zu sein. Die Dimension der Entscheidung erfordert eine ethische Reflexion. Wenn der Dekan über die tiefere Wertgrundlage seiner Entscheidung reflektiert, kann er auch so argumentieren: Der gesellschaftliche Auftrag an unsere Fakultät ist, gute Sozialarbeiter auszubilden. Welche Sozialarbeiter braucht unsere Gesellschaft? Diejenigen, die ihre Profession gut gelernt haben und mit diesem Wissen praktisch umgehen können. Dazu gehören eine Fachkompetenz und auch eine gewisse fachsprachliche Kompetenz. Für die professionelle Arbeit muss diese Studentin das notwendige Wissen unbedingt erwerben und das hat sie bisher nicht geleistet, sie scheiterte ja an der Prüfung. Ihre sprachlichen Mängel sind weder für die Gesellschaft und noch für die Universität von Vorteil. Aber wenn wir ihr keine weitere Chance geben, verfehlen wir einen anderen Auftrag der Gesellschaft: diese könnte gerade Sozialarbeiter brauchen, die in unserem sozialen Versorgungssystem ausgebildet, integriert sind und trotzdem Klienten mit Migrationshintergrund besonders gut verstehen können. Das können Deutsche nicht so gut. Sie können vielleicht die Leistungen der Prüfungsordnung erbringen, sie können das notwendige Wissen der Profession auf einem höheren Niveau erlernen. Aber eine Studentin mit diesem Migrationshintergrund hat eine besondere Eigenschaft, die die Gesellschaft künftig braucht. Sie kann bestimmte Menschen besser verstehen und sie kann ihnen als Vorbild dienen. Diese Eigenschaft reicht für die Anerkennung als Profession nicht, aber sie ist wertvoll für unsere Gesellschaft. Die Prüfung wird für diese Studentin deshalb nicht leichter gemacht. Sie soll nicht mit weniger guten Leistungen bestehen, aber sie kann für ihre besondere Eigenschaft positiv diskriminiert werden, um die Vielfalt unter den Studenten zu erhöhen und damit eine bessere Qualität im Versorgungssystem zu ermöglichen.

Wird die Entscheidung so begründet, folgt daraus nicht nur, dass für den Umgang mit den sprachlichen Schwächen der Studentin eine gerechte Lösung gefunden wurde, ohne fürchten zu müssen, dass andere Studierende mit mangelnden nicht-fachlichen Kompetenzen aus Gerechtigkeitsgründen nach einer weiteren Prüfungschance verlangen. Begründet man die Entscheidung mit den offensichtlichen sprachlichen Mängeln, bedeutet das immer noch die zugegebene Qualitätsminderung in der Lehre der Universität. Die zweite Begründung, die die grundsätzliche Aufgabe der Universität hinterfragt und die Entscheidung auf die wesentlichen Werte einer Profession zurückführt, enthält hingegen das Versprechen einer besseren Qualität der sozialen Versorgung und dient damit einer Gerechtigkeit auf einer höheren Ebene, die weit über den Einzelfall hinausgeht. Mit dieser Entscheidung hat die Universität ihre Qualität sogar erhöht.

Das Beispiel zeigt: Begründungen sind sehr wichtig, auch wenn alle Intuitionen und professionellen Einstellungen eine Entscheidung favorisieren. Die Entscheidung kann durch die Begründung unterschiedliche Qualitäten bekommen. Für die bessere Begründung muss die Entscheidung aus der gewöhnlichen beruflichen Routine herausgenommen werden. In intuitiv einfachen Entscheidungen können tiefgreifende Wertfragen stecken, die erst aus einer umfassenderen Perspektive der Profession beurteilt werden können. Das Gelingen einer solchen Reflexion ist wahrscheinlicher, wenn eine konstruktive Kooperation zwischen Ethikern und Sozialarbeitern etabliert ist. Natürlich muss nicht jede Entscheidung vor einer Ethik-Kommission diskutiert werden. Vielmehr sollten die meisten Entscheidungen ohne Rücksprache mit einem Ethiker getroffen werden, so wie der Formel 1-Pilot den Physiker vor allem während des Rennens nicht konsultieren kann. Eine etablierte Kultur der gemeinsamen Reflexion über die Praxis zwischen Sozialarbeitern und Ethikern verspricht aber ein tieferes Verständnis der leitenden Werte und Normen und die bessere praktische Umsetzbarkeit dieser Werte.

Natürlich wird für diese gemeinsame Reflexion beiden Seiten etwas abverlangt. Der Ethiker muss zwar nicht selber in der Sozialen Arbeit professionell tätig sein, aber er muss spezielles Wissen in der anwendungsorientierten Ethik mitbringen, seine Theorien anwenden können und sich gemeinsam mit Fachleuten aus der Sozialen Arbeit auf die Suche nach dem Guten und Gerechten einlassen. Dazu muss er seine wissenschaftliche „Heimat“ verlassen und Kompetenzen für das neue Anwendungsfeld erwerben. Auch der Sozialarbeiter muss kein Ethiker werden. Er muss sich lediglich bei seinen Entscheidungen auf einen Diskurs mit professionellen Ethikerinnen einlassen. Er muss lernen, seine Motivation offenzulegen und zu diskutieren, seine Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und sein Handeln zu begründen. Nur dann kann man die normative Dimension der Sozialen Arbeit durchdringen.

Zusammenfassung

Vor allem drei Punkte sind festzuhalten:

  • Ethik ist für die Theorie der Sozialen Arbeit unverzichtbar. Die Soziale Arbeit ist eine normative Handlungswissenschaft, die ohne ethische Reflexion nicht einmal sagen kann, was ihr Gegenstand ist.

  • Ethik ist für die Praxis der Sozialen Arbeit unverzichtbar, denn
    a) die Praxis der Sozialen Arbeit steht unter dem Druck von unterschiedlichen Interessen, die eine ethische Rechtfertigung der Handlungen erforderlich machen.
    b) die Ziele der Sozialen Arbeit basieren auf Vorstellungen des guten Lebens und der Gerechtigkeit. Die praktischen Entscheidungen setzen immer Gründe voraus, die angemessen sein sollen.

  • Sozialarbeiter müssen keine professionellen Ethiker werden, aber die professionelle Ethik und die praktische Soziale Arbeit müssen eine regelmäßige gute Kooperation entwickeln, damit ethische Reflexion über die leitenden Werte und Normen der Arbeit zur Routine wird.

Literaturverzeichnis

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    Eine Debatte um Suizidales Begehren im Altern und in Krankheit steht im Spannungsfeld von kulturellem Wandel, strafrechtlichen Normen, ethischen Fragen bezüglich der Begründbarkeit und des Sinns der Selbsttötung sowie Problemen im Umgang mit Patienten, die in der medizinischen Praxis, insbesondere der Psychiatrie Suizidale Begehren herausbilden. Um dieses Spannungsfeld hinreichend diskursiv zu erkunden, bedarf es also der Behandlun-gen des Themas „Suizidales Begehren im Altern und in Krankheit“ ausgehend von verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen. In dieser Ausgabe des EthikJournal sind Beiträge der Rechtswissenschaften, der Psychiatrie, der Philosophie und der Moraltheologie versammelt, um dieses Spannungsfeld zu bearbeiten.