Die vorliegende Ausgabe des EthikJournals versammelt den zweiten Teil der Beiträge zum in einer Doppelausgabe erscheinenden Themenschwerpunkt Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Die Beiträge dieses Schwerpunkts reflektieren Digitalisierungsprozesse (von Teilbereichen) der Sozialen Arbeit, besonders unter dem Fokus, welchen Zukunftsoptionen, Visionen und normativen Leitoptionen sie folgen – offen oder versteckt, bewusst oder unbewusst. Gleichzeitig werden Überlegungen zu den intendierten und nicht-intendierten Folgen digitaler Technologien und digitaler Kommunikation angestellt, um eine Grundlage für notwendige Reflexionen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Rolle der Sozialen Arbeit in diesen transformativen Prozessen auszuloten. Während in der ersten Ausgabe des Themenschwerpunkts (02/2021) einleitend vorrangig grundlegende Perspektiven auf digitale Transformationsprozesse angelegt wurden, fokussiert die nun vorliegende zweite Ausgabe (01/2022) tendenziell anwendungsorientierte Analysen, die u.a. auf konkreten Forschungsprojekten basieren.
Die vorliegende Ausgabe des EthikJournals versammelt den zweiten Teil der Beiträge zum in einer Doppelausgabe erscheinenden Themenschwerpunkt Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit. Die Beiträge dieses Schwerpunkts reflektieren Digitalisierungsprozesse (von Teilbereichen) der Sozialen Arbeit, besonders unter dem Fokus, welchen Zukunftsoptionen, Visionen und normativen Leitoptionen sie folgen – offen oder versteckt, bewusst oder unbewusst. Gleichzeitig werden Überlegungen zu den intendierten und nicht-intendierten Folgen digitaler Technologien und digitaler Kommunikation angestellt, um eine Grundlage für notwendige Reflexionen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Rolle der Sozialen Arbeit in diesen transformativen Prozessen auszuloten. Während in der ersten Ausgabe des Themenschwerpunkts (02/2021) einleitend vorrangig grundlegende Perspektiven auf digitale Transformationsprozesse angelegt wurden, fokussiert die nun vorliegende zweite Ausgabe (01/2022) tendenziell anwendungsorientierte Analysen, die u.a. auf konkreten Forschungsprojekten basieren.
Die Ausgabe eröffnend analysiert Sascha Schierz in seinem Beitrag Phänomene der Digitalisierung im Feld der Bewährungshilfe. Mit einem kritischen Blick auf Entwicklungen seit den 2000er Jahren zeichnet er eine Transformation des Arbeitsfeldes nach, die geprägt ist von Dokumentationssystemen und Ideen der sogenannten Risikoorientierung, die wiederum spezifische Sicherheits- oder post-wohlfahrtsstaatliche Strafpraktiken der Bewährungshilfe ermöglichen und bedingen. Mit Bezug auf die soziologische Technikforschung beschreibt er soziotechnische Arrangements, in denen sich performativ eine risikoorientierte Bewährungshilfe und eine veränderte soziale Realität vollzieht. Gleichzeitig lösen damit einhergehende Risikoabschätzungen, Kategorisierungs- und Dokumentationstätigkeiten ein gewisses Unbehagen in der Praxis aus, während sie in Ministerien und Verwaltungen als notwendig und zeitgemäß angesehen werden. Aufbauend auf dieser Diskrepanz bezieht sich der Autor auf das Konzept des Grenzobjekts, um derartige Artefakte sowie deren Folgen erklärbar zu machen. Dokumentationssysteme und Implementierungen risikoorientierten Denkens in der Praxis können so als soziotechnische Gegenstände begriffen werden, die je nach Perspektive unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen einnehmen: „Digitalisierung erschließt sich hier somit als Grenzobjekt der häufiger auch nicht stattfindenden Übersetzungsleistungen zwischen den sozialen Welten der Ministerien, Softwareentwickler:innen, Gerichten, Sicherheitspolitiken und Sozialarbeiter:innen“ (Schierz 2022, 15).
Marc Weinhardt entwickelt in seinem Beitrag eine praxistheoretische Perspektive auf ‚Doing Digitality‘. Ausgehend von pandemiebedingten Entwicklungen digitaler Beratung zeigt er auf, dass die zunehmende Orientierung an videobasierten Beratungsformen weniger als Ergebnis einer Digitalisierungslogik im Sinne intendierter Veränderungen der Organisations- und Interaktionsweisen zu verstehen ist. Vielmehr sieht er darin alltagskulturell geprägte Prozesse der Nutzung digitaler Dinge im Sinne einer Digitalität, die sich auf professionelle Settings auswirken. Der Autor zeigt anhand weiterer Themen der Teilnahme, Akteur:innenschaft digitaler Dinge und Raumkonstitution auf, inwiefern die entworfene Heuristik ‚Doing Digitality‘ neue praxistheoretische und normative Analyseperspektiven auf die Nutzung digitaler Dinge in der Beratung eröffnet.
Im Zentrum des abschließenden Beitrags von Christian Ghanem, Markus Eckl und Robert Lehmann stehen forschungsethische Herausforderungen im Zusammenhang mit dem an Bedeutung gewinnenden Forschungsfeld der Adressat:innenforschung in der Sozialen Arbeit. Mit der Digitalisierung, die auch im Umfeld der Sozialen Arbeit enorme Datenbestände generiert, und der Entstehung digitaler Räume, die informelle soziale Zusammenschlüsse ermöglichen, entwickelt sich aus Sicht der Autoren ein relevantes Feld sozialarbeiterischer Adressat:innenforschung, das anhand der Nutzung von Big Data gestützten Technologien gewinnbringende Perspektiven eröffnen könnte. Bezugnehmend auf gegenwärtige forschungsethische Standards in der Sozialen Arbeit, die einem klassischen qualitativen oder quantitativen Forschungsparadigma folgen, stellen sie dar, inwiefern spezifische forschungsethische Herausforderungen von Adressat:innenforschung im Kontext von Digitalisierung im Allgemeinen und Big Data gestützter Forschung im Speziellen bislang unberücksichtigt bleiben. Ausgehend von einer Onlineforumanalyse diskutieren die Autoren in ihrem Beitrag am konkreten Beispiel forschungsethische Fragestellungen, die sich insbesondere hinsichtlich der Datenerhebung, der Datenverarbeitung sowie der Frage der Nutzung und Verbreitung der Forschungsergebnisse ergeben und formulieren daran anschließend Desiderate für die Weiterentwicklung forschungsethischer Standards in der Sozialen Arbeit, die Aspekte der Privatheit, Freiwilligkeit und Reidentifzierung in den Fokus stellen.
Nürnberg und Berlin, im Februar 2022
Christian Ghanem und Andreas Lob-Hüdepohl
Weitere Artikel dieser Ausgabe
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8. Jg. (2022) Ausgabe 1
Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit IIBig Data und Forschungsethik in der Sozialen Arbeit
Abstract Der Einsatz digitaler Technologien und die Erforschung digitaler Räume bringen spezifische ethische Herausforderungen mit sich. Auf Basis einer Studie im Kontext von Selbsthilfeforen im Internet und mittels automatisierter Analysemethoden werden ethische Kristallisationspunkte herausgearbeitet. Es zeigt sich, dass diese in gängigen Forschungsethikkodizes bisher wenig Berücksichtigung finden. Insbesondere besteht ein Bedarf, Forschungen ohne formeller informierter Einwilligung zu normieren, um das Nützlichkeitspotenzial von Big Data Analysen für Zielgruppen der Sozialen Arbeit auszuschöpfen und gleichzeitig deren Persönlichkeits- und Schutzrechte zu gewährleisten. Um diese Werte auszubalancieren sollten Themen der Privatheit von Räumen und Reidentifikationsrisiken im Zentrum der Diskussionen stehen.
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8. Jg. (2022) Ausgabe 1
Transformative Digitalisierung in der Sozialen Arbeit IISoziotechnische Arrangements als Grenzobjekt der (risikoorientierten) Bewährungshilfepraxis
Abstract Risikoabwägungen und digitale Dokumentationssysteme charakterisieren eine veränderte Bewährungshilfepraxis. Sie verweisen auf eine veränderte „Ökologie” der Institution als weitestgehend soziotechnisches Arrangement. Diesen Veränderungen wird in diesem Beitrag nachgespürt und theoretisch eine Ding-Werdung am Arbeitsplatz beziehungsweise eine Materialisierung als digitalisierter Arbeitsplatz der Bewährungshelfer*innen herausgestellt. Erläutert wird das Entstehen einer Schnittmenge zwischen Digitalisierungsprozessen und Risikoorientierung als ein „Grenzobjekt” u.a. sozialpädagogischer Deutungen und daraus folgender Problemwahrnehmungen.