Dieser Sommer 2026 ist ein neuer Sommer der Extreme: der heißeste Juni in Westeuropa, der je gemessen wurde; der Pegelstand des Rheins ist stellenweise so niedrig wie noch nie; Waldbrände historischen Ausmaßes in Frankreich, Spanien und Griechenland sind zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Heftes noch nicht unter Kontrolle.
Dass der Klimawandel Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat, können heute nur noch die Wenigsten übersehen. Immer neue Hitzerekorde fordern buchstäblich Opfer, in der Statistik werden sie als Hitzetote geführt. Neben Hitzewellen bergen Brände und Hochwasser Risiken für Leib und Leben. Weniger im unmittelbaren Lichte der Öffentlichkeit führen klimatische Bedingungen außerdem zu einem Anstieg von Infektionskrankheiten, zu Ernährungsunsicherheiten in vielen Regionen der Welt und zu einer Reihe von psychischen Erkrankungen. Auch soziale Konflikte und Zukunftsängste gefährden Gesundheit.
Die aktuelle Ausgabe des EthikJournals macht solche Zusammenhänge zwischen planetarer und menschlicher Gesundheit aus ethischer Perspektive zum Thema und fragt nach deren Bedeutung für die Praxis sozialer Professionen.
Dieser Sommer 2026 ist ein neuer Sommer der Extreme: der heißeste Juni in Westeuropa, der je gemessen wurde; der Pegelstand des Rheins ist stellenweise so niedrig wie noch nie; Waldbrände historischen Ausmaßes in Frankreich, Spanien und Griechenland sind zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Heftes noch nicht vollständig unter Kontrolle.
Dass der Klimawandel Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat, können heute nur noch die Wenigsten übersehen. Immer neue Hitzerekorde fordern buchstäblich Opfer, in der Statistik werden sie als Hitzetote geführt. Neben Hitzewellen bergen Brände und Hochwasser Risiken für Leib und Leben. Weniger im unmittelbaren Lichte der Öffentlichkeit führen klimatische Bedingungen außerdem zu einem Anstieg von Infektionskrankheiten, zu Ernährungsunsicherheiten in vielen Regionen der Welt und zu einer Reihe von psychischen Erkrankungen. Auch soziale Konflikte und Zukunftsängste gefährden Gesundheit.
Die aktuelle Ausgabe des EthikJournals macht solche Zusammenhänge zwischen planetarer und menschlicher Gesundheit aus ethischer Perspektive zum Thema und fragt nach deren Bedeutung für die Praxis sozialer Professionen.
Der Klimawandel ist dabei die wichtigste aber längst nicht die einzige Entwicklung, die heute den Planeten an seine Grenze bringt. Reduzierte Artenvielfalt, veränderte Landnutzung, Ozeanversauerung, Süßwasserverbrauch sind andere Stichworte, die heute unter dem Begriff „Planetare Grenzen“ als Belastungsfaktoren geführt werden. Und auch diese Entwicklungen haben unmittelbare und mittelbare Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
Diese gesundheitlichen Folgen treffen Menschen auf der Welt unterschiedlich. Das gilt zum einen innerhalb Deutschlands und Europas: In Städten sind etwa Hitzebelastungen ausgeprägter als auf dem Land. Deutlich ist aber vor allem eine sozioökonomisch bedingte Ungleichheit: Wer über geringe finanzielle Mittel verfügt, kann sich weniger gut schützen. Zudem sind es in der Regel schlecht bezahlte Berufsgruppen, die von Folgen der Hitze besonders betroffen sind. Noch deutlicher wird die Ungleichheit im globalen Vergleich: Wirtschaftlich arme Regionen des globalen Südens sind von Dürren und Hochwassern mit allen Auswirkungen am stärksten betroffen.
Planetary Health ist ein normatives Konzept, das sich dieser Zusammenhänge annimmt. Zuerst wurde der Titel von der Rockefeller Foundation-Lancet Commission on Planetary Health eingeführt. In ihrem programmatischen Report von 2015 stellt die Kommission heraus, wie sich die Gesundheitsdaten der Menschen weltweit über die vergangenen rund 50 Jahre in praktisch allen Bereichen verbessert haben, wie diese Verbesserungen aber gleichzeitig auf Kosten der Ökosysteme erreicht wurden. Als Konzept betont Planetary Health die wechselsei-tige Abhängigkeit von menschlicher und planetarer Gesundheit: Veränderungen, die durch den Menschen dem Planeten beigebracht werden, haben Folgen für dessen eigene Gesundheit und Wohlbefinden. Im Jahre 2018 entwickelte ein internationales Expert:innenteam mit der Canmore-Erklärung 10 Prinzipien, an denen sich alle Aktivitäten zur Förderung planetarer Gesundheit orientieren sollten. Im Zentrum steht dabei die Grundidee, dass alle natürlichen und anthropogenen Ökosysteme miteinander verbunden sind – dass also auch die Entwicklung von sozial, politisch und wirtschaftlich nachhaltigen Systemen notwendige Beiträge zur planetaren Gesundheit sind. Verantwortung wird sowohl individuell als auch auf gemeinschaftlicher, gesellschaftlicher und globaler Ebene verortet.
Professionelle der Sozialen Arbeit und angrenzenden Berufen sind in komplexer Weise mit Themen planetarer Gesundheit konfrontiert. Adressat:innen ihrer Arbeit sind Personen, die aus unterschiedlichen Gründen besonders vulnerabel sind, deren Gesundheitsrisiken häufig besonders hoch sind und deren Bedarfe gleichzeitig bei Reformen häufig unbeachtet bleiben. Das eigene Handeln auf planetare Gesundheit auszurichten, wenn gleichzeitig das tägliche Auskommen schon nur schwer organisierbar ist, erscheint dabei als Überforderung sowohl der Sozialarbeiter:innen als auch der Adressat:innen. So dringlich ein veränderter Umgang mit ökologischen Ressourcen ist, so wenig wird doch der ganz unmittelbare Effekt der eigenen Handlung erfahrbar.
Das Heft setzt sich vor diesem Hintergrund theoretisch und praktisch mit dem Konzept Planetary Health und dessen ethischen Implikationen auseinander. Im Zentrum der konzeptionellen Debatten steht dabei insbesondere auch die Frage, wie das Selbstverständnis als Menschenrechtsprofession sich zu den Anforderungen von Planetary Health verhält. Impliziert dieses Selbstverständnis eine ethisch problematische anthropozentrische Engführung oder lassen sich Ansprüche von nicht-menschlichen Entitäten auch innerhalb einer Menschenrechtsorientierung angemessen berücksichtigen?
Die Beiträge des Heftes setzen in dieser Debatte unterschiedliche Schwerpunkte. Andreas Lob-Hüdepohl befragt das normative Konzept von Planetary Health mithilfe unterschiedlicher Gerechtigkeitskriterien. Gerechtigkeit identifiziert er als den „gemeinsamen Glutkern“ von Planetary Health und Sozialer Arbeit und plädiert deshalb auch für ein starkes Engagement der Sozialen Arbeit in der Planetary-Health-Justice-Bewegung. Die menschenrechtsbasierte Ethik der Profession bedeutet aus seiner Sicht nicht eine anthropozentrische Engführung, sondern fordert gerade Verantwortung für eine lebensdienliche Gestaltung des Planetaren – weil der Mensch – im Unterschied zum Tier und anderen nicht-menschlichen Entitäten – zu dieser Verantwortungsübernahme in der Lage ist.
Ingo Stamm zeichnet Debatten um ethischen Anthropozentrismus in der Sozialen Arbeit im angelsächsischen Raum nach. Die Konzepte Ecosocial Work, Post-Anthropocentric Social Work (PASW) und Planetary Health kritisieren alle eine einseitige Fokussierung auf menschliches Wohlergehen und fordern eine Perspektiverweiter-ung auf nicht-menschliche Entitäten. Dabei fällt die Kritik im Konzept der PASW am radikalsten aus: Anstatt nur wechselseitige Verwobenheiten und Abhängigkeiten anzuerkennen, würde es nach diesem Konzept auch darum gehen, konkrete Rechte von nicht-menschlichen Entitäten zu definieren. Dies würde auch eine Auseinander-setzung mit dem Selbstverständnis von Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession und damit verbundener Mandate erfordern.
Der Beitrag von Marcel Schmidt fragt, wie eine Ethik konkret aussehen kann, die den mit dem Planetary Health Konzept verbundenen Auftrag ernst nimmt. Dafür konkretisiert er zunächst in Anlehnung an das in umwelt-ethischen Debatten etablierte Gaia-Modell, welche Formen von Abhängigkeiten und Verbundenheiten zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten zu berücksichtigen sind. Mit Bezug auf den Umweltethiker Martin Gorke formuliert er daraufhin ein Sparsamkeitsgebot, das jede Verfügung über die prinzipiell als unverfügbar und schutzbedürftig konzipierte Natur unter Rechtfertigungszwang stellt. Als Aufgabe sozialer Professionen ergibt sich daraus, Räume und Strukturen (mit)zugestalten, in denen die ethische Berücksichtigung von nicht-menschlichen Entitäten eingeübt werden kann und so mittelfristig pluralistisch-holistische Subjektbildung möglich wird.
Wie die Gestaltung solcher Räume konkret aussehen kann, stellt Theresia Wintergerst in ihrem Beitrag heraus. Einrichtungen Sozialer Arbeit, so Ihr Plädoyer, sollen sich ihrer Situiertheit in Landschaften bewusst sein. Landschaft versteht sie als Kulturlandschaft, sie ist also nicht unberührt da, sondern wurde durch Menschen hergestellt. Soziale Arbeit ist gefordert, sich mit Landnutzungskonflikten im Klimawandel auseinanderzusetzen. In der Praxis kann sie Räume schaffen, in denen Vertrautheit mit Landschaften erlernt werden kann. Die Erlebnispädagogik ist ein Feld, das hier besondere Möglichkeiten bietet – allerdings wäre hier eine Neuorientierung erforderlich. Landschaften können außerdem durch bewusste Gestaltung der Ernährung in Einrichtungen der sozialen Arbeit erlebt werden.
Ernährung steht dann im Zentrum des Beitrags von Lisa Dörfler. Sie stellt heraus, wie eine Orientierung an der Planetary Health Diet (PHD) in die Praxis Sozialer Arbeit integriert werden kann. Die PHD wurde von der EAT-Lancet Commission entwickelt und beschreibt eine Ernährungsweise, die sowohl die planetaren Grenzen als auch den Nährstoffbedarf der Menschen berücksichtigt. Für die Ethik Sozialer Arbeit stellt sich insbesondere die Frage, wie mit struktureller Ungleichheit beim Zugang zu gesunder Ernährung umgegangen werden kann. Der Beitrag zeigt, wie diese Frage – unter Vermeidung von Paternalismus – in der unmittelbaren Interaktion auf der Mikroebene, aber auch auf der Mesoebene der Einrichtungen und Makroebene der politischen Rahmenbedingungen zu bearbeiten ist.
Das Konzept zu diesem Heft wurde gemeinsam entwickelt von Mitgliedern der Fachgruppen Ethik der Sozialen Arbeit und Klimagerechtigkeit und sozialökologische Transformation sowie der Sektion Theorie und Wissenschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA).
Im Namen des gesamten Herausgeber:innenteams wünsche ich eine anregende Lektüre!
Silke Gülker
Geschäftsführerin des ICEP
Weitere Artikel dieser Ausgabe
-
12 Jg. (2026) Ausgabe 1
Planetary HealthPlanetary Health in der Praxis Sozialer Arbeit
Abstract Der Beitrag stellt am Beispiel der Rolle von Ernährung in der Sozialen Arbeit dar, wie Planetare Gesundheit als ethische Grundausrichtung in die Praxis integriert werden kann. Anknüpfend an die sozialarbeiterischen Grundwerte der Menschenrechte, Gerechtigkeit und Teilhabe wird herausgearbeitet, dass Ernährung weit mehr ist als die Versorgung mit Nährstoffen. Soziale Arbeit hat demnach vielmehr auch einen politischen Auftrag auf Strukturen hinzuwirken, die allen Menschen eine Ernährung ermöglichen, die die Planetare Gesundheit berücksichtigt. Anhand verschiedener Beispiele wird aufgezeigt, wie Planetare Gesundheit schon jetzt in der Praxis Sozialer Arbeit integriert wird.
-
12 Jg. (2026) Ausgabe 1
Planetary HealthPlanetary Health Justice – ein neues Paradigma für die Ethik Sozialer Professionen?!
Abstract Planetary Health gilt gerade in der klimapolitischen Debatte als neues Paradigma, das über den Aspekt der Gesundheit den alle und alles umfassende Anspruch einer menschenrechtsbasierten Ethik konsequent zur Geltung bringen will. Der Aufsatz rekonstruiert die wichtigsten Entwicklungslinien und normativen Anforderungen, die auch die (professionelle) Soziale Arbeit erfassen. Denn Planetary Health ist insbesondere durch den essentiellen Bezug auf Gerechtigkeitsfragen ein normativ hochanspruchsvolles Projekt. Die Einbeziehung moralischer Rechte auch von (nichtmenschlichen) Tieren oder aller Ökosysteme insgesamt stellt Soziale Arbeit zugleich vor die Frage, ob sie sich noch allein als Menschenrechtsprofession verstehen kann oder sich zu einer Eco-Rights-Profession weiterentwickeln muss. Selbst wenn sich dies nicht als nötig erweist, muss sie eine wichtige Akteurin einer Planetary-Health-Akteurin werden.