EthikJournal

12 Jg. (2026) Ausgabe 1

Planetary Health

Silke Gülker (Berlin) Editorial

Dieser Sommer 2026 ist ein neuer Sommer der Extreme: der heißeste Juni in Westeuropa, der je gemessen wurde; der Pegelstand des Rheins ist stellenweise so niedrig wie noch nie; Waldbrände historischen Ausmaßes in Frankreich, Spanien und Griechenland sind zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Heftes noch nicht unter Kontrolle.
Dass der Klimawandel Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat, können heute nur noch die Wenigsten übersehen. Immer neue Hitzerekorde fordern buchstäblich Opfer, in der Statistik werden sie als Hitzetote geführt. Neben Hitzewellen bergen Brände und Hochwasser Risiken für Leib und Leben. Weniger im unmittelbaren Lichte der Öffentlichkeit führen klimatische Bedingungen außerdem zu einem Anstieg von Infektionskrankheiten, zu Ernährungsunsicherheiten in vielen Regionen der Welt und zu einer Reihe von psychischen Erkrankungen. Auch soziale Konflikte und Zukunftsängste gefährden Gesundheit.
Die aktuelle Ausgabe des EthikJournals macht solche Zusammenhänge zwischen planetarer und menschlicher Gesundheit aus ethischer Perspektive zum Thema und fragt nach deren Bedeutung für die Praxis sozialer Professionen.

  • Andreas Lob-Hüdepohl (Berlin)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    Planetary Health Justice – ein neues Paradigma für die Ethik Sozialer Professionen?!

    Abstract Planetary Health gilt gerade in der klimapolitischen Debatte als neues Paradigma, das über den Aspekt der Gesundheit den alle und alles umfassende Anspruch einer menschenrechtsbasierten Ethik konsequent zur Geltung bringen will. Der Aufsatz rekonstruiert die wichtigsten Entwicklungslinien und normativen Anforderungen, die auch die (professionelle) Soziale Arbeit erfassen. Denn Planetary Health ist insbesondere durch den essentiellen Bezug auf Gerechtigkeitsfragen ein normativ hochanspruchsvolles Projekt. Die Einbeziehung moralischer Rechte auch von (nichtmenschlichen) Tieren oder aller Ökosysteme insgesamt stellt Soziale Arbeit zugleich vor die Frage, ob sie sich noch allein als Menschenrechtsprofession verstehen kann oder sich zu einer Eco-Rights-Profession weiterentwickeln muss. Selbst wenn sich dies nicht als nötig erweist, muss sie eine wichtige Akteurin einer Planetary-Health-Akteurin werden.

  • Ingo Stamm (Münster)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    Planetary Health, Post-Anthropocentric Social Work und Ecosocial Work: Einblicke in die internationale Debatte

    Abstract Planetary Health versteht Gesundheit als Ergebnis der Verwobenheit von individuellen, sozialen und ökologischen Bedingungen. Das Konzept hat sich im Gesundheitsbereich international etabliert, wird in der Sozialen Arbeit jedoch kaum rezipiert. Der Beitrag bringt daher mit Ecosocial Work und Post-Anthropocentric Social Work zwei Konzepte aus dem englischsprachigen Diskurs der Sozialen Arbeit mit Planetary Health zusammen. Im Zentrum steht die Frage, welche Schnittmengen bestehen und welche Implikationen sich für die Ethik der Sozialen Arbeit ergeben. Im Kontext des more-than-human turn kritisieren alle drei Konzepte den ethischen Anthropozentrismus und vertreten eine relationale Ethik. Für eine Neujustierung der Ethik der Sozialen Arbeit wären jedoch weitere konzeptionelle Konkretisierungen nötig.

  • Marcel Schmidt (Darmstadt)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    Naturtheoretische und ethische Implikationen von Planetary Health

    Abstract Die im Planetary-Health-Konzept zum Ausdruck gebrachte menschliche Verantwortung für eine gedeihliche Entwicklung des gesamten Planeten ist theoretisch wie ethisch sehr voraussetzungsvoll und bislang noch kaum ausformuliert. Der vorliegende Beitrag will diese Lücke angehen. Es geht in diesem Beitrag aber nicht darum, dem Planetary-Health-Konzept weiter nachzuspüren, sondern um die Darstellung und Diskussion eines Natur- und Ethikverständnisses, das dieser Verantwortung gerecht werden könnte. Dafür wird auf das von Lovelock und Margulis entwickelte und von Latour politisierte Gaia-Modell der Natur zurückgegriffen, um daran anschließend die ethischen Implikationen des Modells herauszustellen und ihnen entlang des Vorschlags einer pluralistisch-holistischen Naturethik nach Martin Gorkes nachzugehen.

  • Theresia Wintergerst (Würzburg)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    In Landschaften leben. Normative Anforderungen an Soziale Arbeit

    Abstract Ausgehend von den Herausforderungen der Landnutzung im Klimawandel erkundet der Beitrag soziale Prozesse der Landnutzung im Klimawandel und erörtert die Kompetenz, in Landschaften denken zu können und sich mit Landschaften verbinden zu können. Dabei wird von Landschaft als Kulturlandschaft ausgegangen, deren Gestaltung politischen Prozessen unterliegt. Der Beitrag stellt Bezüge zur Sozialen Arbeit mit ihrem Paradigma „Person – in – Environment (PIE)“ her. Einrichtungen Sozialer Arbeit sollen sich ihrer landschaftlichen Situiertheit bewusst sein und ihr Handeln darauf ausrichten. Dazu gehört ein Bewusstsein über die politischen Landnutzungskon-flikte im Klimawandel. Ernährung und Erlebnispädagogik sind konkrete Handlungsfelder, in denen sich die verantwortliche Situiertheit in Landschaften zeigt.

  • Lisa Dörfler (Berlin)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    Planetary Health in der Praxis Sozialer Arbeit

    Abstract Der Beitrag stellt am Beispiel der Rolle von Ernährung in der Sozialen Arbeit dar, wie Planetare Gesundheit als ethische Grundausrichtung in die Praxis integriert werden kann. Anknüpfend an die sozialarbeiterischen Grundwerte der Menschenrechte, Gerechtigkeit und Teilhabe wird herausgearbeitet, dass Ernährung weit mehr ist als die Versorgung mit Nährstoffen. Soziale Arbeit hat demnach vielmehr auch einen politischen Auftrag auf Strukturen hinzuwirken, die allen Menschen eine Ernährung ermöglichen, die die Planetare Gesundheit berücksichtigt. Anhand verschiedener Beispiele wird aufgezeigt, wie Planetare Gesundheit schon jetzt in der Praxis Sozialer Arbeit integriert wird.