EthikJournal

Lisa Dörfler (Berlin)

Planetary Health in der Praxis Sozialer Arbeit

Der Beitrag stellt am Beispiel der Rolle von Ernährung in der Sozialen Arbeit dar, wie Planetare Gesundheit als ethische Grundausrichtung in die Praxis integriert werden kann. Anknüpfend an die sozialarbeiterischen Grundwerte der Menschenrechte, Gerechtigkeit und Teilhabe wird herausgearbeitet, dass Ernährung weit mehr ist als die Versorgung mit Nährstoffen. Soziale Arbeit hat demnach vielmehr auch einen politischen Auftrag auf Strukturen hinzuwirken, die allen Menschen eine Ernährung ermöglichen, die die Planetare Gesundheit berücksichtigt. Anhand verschiedener Beispiele wird aufgezeigt, wie Planetare Gesundheit schon jetzt in der Praxis Sozialer Arbeit integriert wird.

Planetare Gesundheit Gerechtigkeit Teilhabe Ernährungsarmut Ernährungssystem

Einleitung

Was bedeutet es, Planetary Health (oder Planetare Gesundheit) als wissenschaftliche Grundlage, die die Belastungsgrenzen der Erde aufzeigt, und als ethisches Prinzip in die Praxis Sozialer Arbeit zu übertragen? Welche Blickwinkel, Abwägungen, Herausforderung-en und Chancen ergeben sich daraus? Welche Aspekte rücken dadurch in den Fokus, die bislang vielleicht zu wenig oder gar nicht beachtet wurden? Und in welchem Verhältnis steht die Planetare Gesundheit zu grundlegenden ethischen Prinzipien Sozialer Arbeit wie Menschenrechten, Gerechtigkeit und Teilhabe? Diese Fragestellungen werden im folgenden Beitrag mit Blick auf die Rolle von Ernährung in der Praxis Sozialer Arbeit in den Fokus gerückt. Abschließend werden konkrete Ansatzpunkte aufgezeigt, wie Planetare Gesundheit im Bereich der Verpflegung und Ernährung in die Praxis Sozialer Arbeit integriert werden kann.

Planetare Belastungsgrenzen und Ernährung

1.1 Der Beitrag der Ernährung zu den ökologischen Krisen

Der Planetary Health Check des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung 2025 hat gezeigt, dass inzwischen sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen überschritten sind – demnach kam eine weitere seit dem Vorjahr hinzu[1] (PIK 2025). Das Überschreiten dieser Grenzen geht mit einem höheren Risiko für das Erreichen von Kipppunkten einher, die mit irreversiblen Veränderungen der Erdsysteme verbunden sind. Landwirtschaft spielt hierbei eine entscheidende Rolle, denn sie trägt maßgeblich zur Überschreitung von fünf der sieben überschrittenen Grenzen bei. Besonders durch die Tierhaltung zur Erzeugung von Fleisch und milchhaltigen Produkten werden klimaschädliche Emissionen, wie CO2, Lachgas und Methan, ausgestoßen. Weltweit verursacht die Landwirtschaft etwa ein Drittel der Emissionen. Schätzungen zufolge stammten in Deutschland im Jahr 2024 53,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten aus der Landwirtschaft, das entspricht 8,2 Prozent der Gesamtemissionen (UBA 2025).

Auch mit Blick auf die Flächennutzung spielt die Tierhaltung eine große Rolle. Auf knapp 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Deutschlands werden aktuell Futtermittel angebaut, auf 16 Prozent nachwachsende Rohstoffe für die Erzeugung von Biogas und auf nur 24 Prozent Lebensmittel, also Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte und Obst (UBA 2024). Das Ausbringen von Phosphor und Stickstoff als Düngemittel belastet die Böden, nitrathaltige Düngemittel die Gewässer und deren Ökosysteme. Verschiedene Pestizide, die in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, bedrohen Insekten-, Vögel- und Kleintierbestände. Der Fokus auf wenige, ertragreiche und gut lagerbare Pflanzensorten vorherrschender Monokulturen führt dazu, dass alte, oft regional angepasste Sorten in Vergessenheit geraten und aussterben. Gerade diese genetische Vielfalt ist aber der Schlüssel für die Anpassungsfähigkeit unserer Kulturpflanzen und somit auch der Ernährungssicherheit. Nicht nur die Klimakrise, sondern auch der Verlust an Biodiversität und der Zustand unserer Böden und Gewässer sind Gründe zum Umsteuern.

1.2 Die Planetary Health Diet (PHD) und Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)

Die Planetary Health Diet (PHD) ist ein wissenschaftlich erarbeitetes Ernährungskonzept der EAT-Lancet Commission, das erstmals 2019 und in einer überarbeiteten Form im Oktober 2025 veröffentlicht wurde. Als globalen Referenzrahmen schlagen 37 internationale Wissenschaftler:innen eine Ernährungsweise vor, die die planetaren Grenzen der Erde sowie den Nährstoffbedarf des Menschen beachtet. Würden alle Menschen weltweit sich auf diese Weise ernähren, könnten die gesamte Weltbevölkerung innerhalb der Planetaren Grenzen versorgt werden. Hierbei wird auch das prognostizierte Bevölkerungswachstum berücksichtigt. Hauptbestandteile der PHD sind primär pflanzenbasierte Proteinquellen aus Hülsenfrüchten und Nüssen, Gemüse, Obst, größtenteils ungesättigte Fettsäuren aus pflanzlichen Quellen, Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, eine geringe Menge an Fisch, Geflügel und Milchprodukten sowie wenig rotes Fleisch und verarbeitete Fleischprodukte (Willet/Rockström 2019; Rockström/Thilsted u. a. 2025). Die Grafik zeigt die Zusammenstellung der täglich empfohlenen Nahrungsmittel der im Oktober 2025 überarbeiteten PHD:

Abb. 1: Täglich empfohlene Nahrungsmittel nach der PHD
Quelle: Paritätischer Gesamtverband 2026a

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat ihre lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen für Erwachsene im März 2024 aktualisiert und berücksichtigt inzwischen neben den bislang fokussierten gesundheitlichen Faktoren auch Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte. Insofern haben die Empfehlungen sich der PHD angenähert. Unterschiede bestehen u. a. in der angenommenen Gesamtenergiezufuhr (PHD 2.400 kcal/Tag pro Person, DGE 2.029 kcal/Tag pro Person). Die PHD beinhaltet zudem deutlich weniger Milchprodukte und mehr Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte als die DGE-Empfehlungen. Während die PHD ein Referenzrahmen für die Ernährung der Weltbevölkerung darstellt, richten sich die DGE-Empfehlungen an gesunde Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland (DGE 2024).

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[1] Die sieben überschrittenen planetaren Belastungsgrenzen sind: Klimawandel, Integrität der Biosphäre, Veränderung der Landnutzung, Veränderung des Süßwasserkreislaufs, Veränderung der biogeochemischen Kreisläufe, Eintrag menschengemachter Substanzen und Ozeanversauerung (PIK 2025).

Ernährung und menschliche Gesundheit

Die Ernährung hat nicht nur Auswirkungen auf den Planeten, sondern auch auf die menschliche Gesundheit. Entscheidend ist dabei die Art und Menge der konsumierten Lebensmittel (Murray/Aravkin u. a. 2020). Eine ungesunde Ernährung, wie eine zu geringe Aufnahme von Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüssen und Samen, ein zu hoher Anteil von rotem und verarbeitetem Fleisch sowie zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken erhöht das Risiko ernährungsbedingter chronischer Erkrankungen. Hierzu gehören beispielsweise Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 oder verschiedene Krebserkrankungen (Global nutrition report 2021). Mehr als 90 Prozent aller Todesfälle lassen sich auf nichtübertragbare Krankheiten zurückführen. Eine ungesunde Ernähr-ungsweise ist neben Tabakkonsum, Alkoholkonsum und Bewegungsmangel der viertgrößte Risikofaktor für vorzeitige Todesfälle in Deutschland (Murray/Aravkin u. a. 2020). Übergewicht und Adipositas nehmen in Folge von Fehl- und Überernährung in Deutschland immer weiter zu und erhöhen das Erkrankungsrisiko zusätzlich. Über die Hälfte der erwachsenen Personen haben Übergewicht oder sind adipös (RKI 2024). Auch bei Kindern und Jugendlichen stellt Adipositas eine weit verbreitete Erkrankung dar: Eine Hochrechnung der DAK-Krankenkasse für das Jahr 2023 zeigt auf, dass 470.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 17 Jahren mit Adipositas diagnostiziert und behandelt wurden (DAK 2025).

Nicht unbeträchtlich ist auch die Zahl an jungen Menschen, die unter einer Essstörung, wie Anorexie, Bulimie und Binge-Eating, leiden. Bei 20 bis 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland finden sich Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten. Dabei liegt das Risiko bei Mädchen zehnmal höher als bei Jungen. Menschen mit niedrigem Sozialstatus, Migrationsbiografie oder familiären Schwierigkeiten sind besonders gefährdet. Essstörungen können einhergehen mit Depressionen, Angst- oder Zwangs-störungen  und können langfristige Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit haben. Langzeitstudien zeigen, dass sich bei etwa der Hälfte der daran erkrankten Jugendlichen die Essstörungen chronifiziert haben und sie auch nach zehn Jahren noch Symptome zeigten. Weitere Folgen können eine eingeschränkte Lebens-qualität und soziale Teilhabe, niedrigere Leistungsfähigkeit und ein geringerer Bildungserfolg sein (Cohrdes/Göbel u. a. 2019). Hieran wird deutlich, dass Ernährung nicht nur Auswirkungen auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gesundheit ebenso wie soziale Folgen haben kann.

Ziehen wir auch hier die Planetaren Grenzen mit in Betracht, bedroht deren Überschreitung vor allem auf globaler Ebene die Ernährungssouveränität in hohem Maße. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die Klimakrise als größte Bedrohung für die menschliche Gesundheit und führt neben Hitzebelastungen und anderen Extremwettereignissen wie Stürmen und Dürren auch deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit als Gründe dafür auf (WHO 2025). Schon jetzt leben laut Welthungerhilfe 2,5 Milliarden Menschen besonders im sogenannten Globalen Süden in Trockengebieten, die besonders anfällig sind für klimabedingte Ernährungsunsicherheiten. Ernteausfälle, steigende Lebensmittelpreise und Konflikte um Ressourcen und Mangelernährung sind die Folgen (Welthungerhilfe 2019).

Ernährung und soziale Teilhabe

Ernährung ist nicht lediglich eine Frage der Versorgung mit Nährstoffen, individueller Präferenz oder gesundheitlicher Selbstoptimierung, sondern eine soziale Praxis, die Alltagsbewältigung und Teilhabechancen wesentlich mitprägt. Während die Beseitigung von Hunger als Teil der globalen Nachhaltigkeitsziele vor allem in Ländern des sogenannten Globalen Südens diskutiert wird, wurde das Thema in Deutschland lange Zeit politisch übersehen. Erstmals wurde Ernährungsarmut vor dem Hintergrund steigender Lebensmittelpreise in der Ernährungsstrategie der Ampelregierung 2024 als soziales Problem anerkannt (BMEL 2024). Ernährungsarmut bezeichnet nicht einen Mangel an Nahrungsmitteln im gesamtgesellschaftlichen Sinne, sondern eine finanziell bedingte Einschränkung des Zugangs zu qualitativ angemessener Ernährung. Gerade in einem hochgradig marktförmig organisierten Ernährungssystem wird sichtbar, dass Armut sich nicht nur im Verzicht auf einzelne Produkte äußert, sondern in einer strukturell eingeschränkten Möglichkeit, sich regelmäßig gesund und nachhaltig zu ernähren. Einkommensarme Haushalte sind besonders in Folge der Inflation der letzten Jahre überproportional von der Teuerung bei Lebensmitteln betroffen und müssen häufig auf Menge, Vielfalt und Qualität ihrer Ernährung verzichten. Die Lebensmittel-preise waren 2025 rund 30 Prozent höher als noch im Jahr 2020. Die Entwicklung der Löhne, Renten und Sozialleistungen können diesen starken Anstieg nicht decken (Werner/Hochscheidt 2025). Dieses Phänomen wird dann zusätzlich verschärft, wenn Menschen aufgrund chronischer Erkrankungen notwendige Spezial- oder Diätkost benötigen, die zusätzliche Kosten verursacht. Diese werden durch Regelsätze, Zuschüsse oder Krankenkassenleistungen nicht hinreichend gedeckt. Damit wird Ernährung zu einer Frage sozialstaatlicher Sicherung und nicht nur zum Gegenstand individueller Gesundheitsverantwortung. Bislang gibt es keine Erhebungen dazu, wie viele Menschen in Deutschland von Ernährungsarmut betroffen sind. Die Einführung eines Monitoringsystems ist Teil der Ernährungsstrategie, wurde jedoch bislang nicht umgesetzt.

Besonders deutlich wird die soziale Dimension im Bereich der Gemeinschaftsver-pflegung. In Kindertageseinrichtungen, Schulen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Pflegeeinrichtungen, Geflüchtetenunterkünften, Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen ist gemeinsames Essen nicht nur Versorgung, sondern Teil des Alltags und damit ein Ort sozialer Teilhabe. Laut Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) essen täglich etwa 16 Millionen Menschen in Angeboten der Gemeinschaftsverpflegung, darunter auch sechs Millionen Kinder und Jugendliche (BMLEH 2025a). Gemeinsames Essen schafft Räume der Begegnung, stiftet Normalität und Zugehörigkeit. Dieser Aspekt wird bei der gesetz-lichen Bedarfsermittlung für die Leistungen der Grundsicherung nicht mitgedacht, denn gemeinschaftliches Essen außer Haus wird als verzichtbarer Luxus bewertet. Entsprechende Ausgaben werden nicht anerkannt, sondern lediglich der Warenwert der Speise, wodurch Menschen, die Grundsicherung beziehen, gezwungen sind privat zu Hause zu essen. Fast jede fünfte armutsbetroffene Person (18,6 Prozent) gab bei der EU weiten Erhebung „Einkommen und Lebensbedigungen (EU-SILC)“ an, nicht einmal ab und zu mit Freund:innen oder Verwandten gemeinsam essen oder einen Kaffee trinken gehen zu können. Kinder und Jugendliche aus armutsbetroffenen Familien können häufig nicht beim gemeinsamen Mittagessen in Kindertageseinrichtungen und Schulen teilnehmen, was zu Stigma-tisierungs- und Exklusionserleben führen und sich langfristig auf ihre Entwicklung negativ auswirken kann. Familien in Grundsicherung, Sozialhilfe, Wohngeld, Kinderzuschlag oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben zwar die Möglichkeit über das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) Zuschüsse zu Mittagsverpfleg-ung zu beantragen, allerdings sind die Verfahren so kompliziert, dass nur knapp 40 Prozent der Familien in SGB II-Bezug diese Leistung in Anspruch nehmen (Paritätischer Gesamtverband 2025). Neben den Kosten können weitere Aspekte die Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung erschweren: fehlende Berücksichtigung von Lebensmittelun-verträglichkeiten und Allergien, Ernährungsweisen wie Veganismus oder religiösen Gewohnheiten, wie koscheres Fleisch, in der Menügestaltung führen zu fehlenden Teilhabemöglichkeiten bestimmter Gruppen.

Ernährung als Thema der Ethik Sozialer Arbeit

Die ethische Perspektive Sozialer Arbeit auf Ernährung beginnt mit der Einsicht, dass Ernährung nicht auf individuelles Verhalten reduziert werden kann, sondern stets in soziale, politische und materielle Verhältnisse eingebettet ist. Wer nicht in der Lage ist, sich ausreichend, gesund und kulturell angemessen zu ernähren, ist nicht einfach ‚unvernünftig‘ oder ‚unzureichend aufgeklärt‘, sondern häufig durch Armut, institutionelle Barrieren, gesundheitliche Einschränkungen oder fehlende Zugänge strukturell benachteiligt. Aus ethischer Sicht folgt daraus, dass Soziale Arbeit Ernährung nicht nur als Alltagsfrage, sondern als Frage von Gerechtigkeit, Teilhabe und Menschenwürde verstehen muss. Sie ist damit aufgefordert, die Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen Ernährung möglich oder unmöglich wird, und die Verantwortung nicht allein den Betroffenen zuzuschreiben. Merkel und Krück (2003) definieren als eine von fünf Dimensionen eines reformierten Gerechtigkeitsbegriffs in einer globalisierten Welt „Vermeidung von Armut im substantiellen Sinne, vor allem von Hunger, Unterer-nährung und heilbaren Krankheiten […]“ (Merkel/Krück zitiert nach Eisenmann 2012, 264). Dieser Aspekte ist jedoch nicht nur international bedeutsam, sondern auch – wie bereits dargestellt – mit Blick auf Deutschland. Hier haben wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht die Problematik der mangelnden Verfügbarkeit von Lebens-mitteln, sondern ihrer gerechten Verteilung. Wenn Menschen aus finanziellen Gründen keine ausreichende, ausgewogene und an ihre Bedarfe (z. B. bei Unverträglichkeiten, Allergien oder spezifischen Anforderungen an die Ernährung infolge chronischer Erkrankungen) angepasste Ernährung realisieren können, oder Mahlzeiten auslassen, gefährdet das ihre Gesundheit und wirkt sich negativ auf ihre Lebensqualität aus. Wer sich gemeinschaft-liche Verpflegung nicht leisten kann, ist zudem nicht nur materiell eingeschränkt, sondern häufig auch von alltäglicher Teilhabe ausgeschlossen. Ethisch relevant ist dabei nicht allein die Versorgung mit Kalorien, sondern die Möglichkeit, Essen als Teil sozialer Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe zu erleben. Im Selbstverständnis einer Menschenrechtsprofession (Staub-Bernasconi 2019) kann Soziale Arbeit auch an dieser Stelle die Menschenrechte als zentralen Bezugsrahmen aufführen: Das Recht auf Nahrung, das Recht auf angemessenen Lebensstandard und das Recht auf Gesundheit sind gefährdet, wenn Menschen keinen Zugang zu ausreichender, gesunder und ausgewogener Ernährung haben. Ein menschenrechts-basierter Ansatz gegen Ernährungsunsicherheit berücksichtigt auch die Menschenrechte auf soziale Teilhabe, Partizipation und Nicht-Diskriminierung (BMLEH 2025b).

Besonders der Teilhabeaspekt sollte mit Blick auf gemeinschaftliches Essen auch strukturell von der Sozialen Arbeit bearbeitet werden. Während hier vor allem die Reduktion von Armut im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit sowie der Abbau diskriminierender Strukturen im Sinne einer Chancengerechtigkeit adressiert werden, weitet das Konzept der Planetaren Gesundheit den Blick darüber hinaus: Es geht von der Grundidee aus, dass es gesunde Menschen nur auf einem gesunden Planeten geben kann (Whitmee/Haines u. a. 2015). Gesundheit wird dabei nicht nur als individuelles Wohlbefinden gefasst, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher, politischer und ökologischer Bedingungen. Über die menschliche Gesundheit hinaus wird dabei auch die Gesundheit des gesamten Planeten in den Fokus gerückt. Es geht dabei folglich nicht ausschließlich um die Frage des Konsums, also des Zugangs zu gesunden Lebensmitteln, sondern auch um die Produktion, Lagerung, Transport und Verarbeitung von Lebensmitteln und den entsprechenden ökologischen Folgen entlang der Wertschöpfungskette. Planetare Gesundheit als ethisches Prinzip könnte für die Soziale Arbeit folglich bedeuten, das gesamte Ernährungssystem samt seiner ökologischen und sozialen Folgen in den Blick zu nehmen.

Planetary Health als ethisches Prinzip für die Praxis

Essen ist Teil des Alltags Sozialer Arbeit, wird aber häufig nicht bewusst in den verschiedenen Facetten betrachtet, ethisch reflektiert oder fachlich ausgestaltet. In ihrem Buch „Essen und Soziale Arbeit. Eine Einführung“ (2018) beleuchtet Christine Meyer verschiedenste Aspekte rund um das Thema Essen. Von der Gestaltung inklusiver, Teilhabe ermöglichender, Gemeinschaft stärkender Esssituationen beispielsweise in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, über die Deckung der Grundbedürfnisse armutsbetroffener Personen bis hin zu soziothera-peutischer Bearbeitung von Essstörungen – in der Praxis gibt es viele Möglichkeiten, das Thema aufzugreifen. In der internationalen Definition Sozialer Arbeit wird festgehalten, dass Soziale Arbeit „auf ganzheitlichen biopsychosozialen und spirituellen Bewertungen und Interventionen [basiert], die die Mikro-Makro-Kluft überwinden“ (DBSH 2014, 1). Ferner heißt es „Die Notwendigkeit, diese strukturellen Bedingungen, die zu Ausgrenzung, sozialen Ausschluss und Unterdrückung beitragen, zu beseitigen und zu ändern, ist die Motivation sozialarbeiterischen Handelns.“ (DBSH 2014, 1). Mit Blick auf Ernährung bedeutet das einerseits, Individuen dabei zu unterstützen, eine gesunde, bedarfsdeckende Ernährung zu ermöglichen und gleichzeitig strukturelle Hürden, die dies verhindern, zu adressieren. Wie Planetare Gesundheit als handlungsleitendes Prinzip für die Bearbeitung von Ernährungsthemen auf der Mikro-, Makro- und auch Mesoebene in der Sozialen Arbeit aussehen kann und welche ethischen Fragen damit verbunden sein können, wird im Folgenden skizziert. Einzelne Praxisbeispiele verdeutlichen, wie Planetare Gesundheit schon jetzt in der Praxis als richtungsweisender Grundwert dient.

6.1 Mikroebene

Die Mikroebene Sozialer Arbeit bezieht sich auf die direkte Interaktion und Arbeit mit Einzelnen, ihrem sozialen Umfeld und Gruppen. Ziele der sozialarbeiterischen Intervention können im Beispiel der Ernährung die Reduktion von Ernährungsarmut oder die Förderung klimagesunder Ernährungsweisen sein. Wollen Sozialarbeiter:innen bei ihren Zielgruppen eine Ernährungsweise stärken, die die Planetaren Grenzen berücksichtigen, stoßen sie schnell auf ethische Fragen und systemische Hürden: Kann ich meine Klientin dafür kritisieren, dass sie das günstige Fleisch im Discounter kauft, das nicht nachhaltig produziert wurde, wo sie sowieso kaum Geld zur Verfügung hat und im Vergleich zu vielen anderen Menschen mit ihrem Lebensstil wenig Emissionen ausstößt? Kann ich meinem Klienten eine Ernährungsweise aufzwängen, weil ich die ökologische Notwendigkeit sehe, er aber selbst nicht davon überzeugt ist? Die Berufsethik kann im Umgang mit diesen Fragen helfen: Zentrale Fragestellung ist dort u. a. der Umgang mit Paternalismus, also der Abwägung, „inwieweit Freiheits- und Autonomierechte auch paternalistische Formen Eingriffs- und Pflichtaufgaben gegenüberstehen“ (DBSH 2024, 29). Als milder Paternalismus oder indirekt paternalistische Intervention werden in der Berufsethik präventive Informations- und Aufklärungsangebote verstanden. „Hinweise, Warnungen und das Aufzeigen von Konsequenzen haben das Ziel, auf Menschen einzuwirken, um sie vor negativen Verhaltensweisen und Folgen für sich und andere Personen in ihrem Umfeld zu bewahren und sie in entsprechenden schwierigen Entscheidungssituationen zum Nachdenken anzuregen, zu motivieren oder umzustimmen“ (DBSH 2024, 30). Auch wenn die Umweltfolgen nicht aufgeführt sind, können sie mit dem erweiterten Gesundheitsverständnis der Planetaren Gesundheit mitgedacht werden. Ziel der Interventionen sollte demnach also die Aufklärung über Zusammenhänge zwischen Planetaren Grenzen, Ernährung und persönlicher Gesundheit sein. Was sie am Ende einkauft und isst, entscheidet jedoch letztlich jede Person – je nach ihren Möglichkeiten – selbst.

Ernährung kann auf der Mikroebene nicht nur mit Blick auf Konsumentscheidungen und Ernährungsweisen thematisiert werden, sondern auch die Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln kann sozialarbeiterisch aufgegriffen werden. Das Konzept der Sozialen Landwirtschaft verbindet Angebote für verschiedene Zielgruppen, wie Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, langzeitarbeitslose Personen, Senior:innen oder Kinder, mit der Erzeugung von Lebensmitteln auf landwirtschaftlichen Betrieben (Hofmann/Spieker 2024). Erfolgt die Lebensmittelerzeugung nach ökologischen Standards steckt in Angeboten Sozialer Landwirtschaft viel Potenzial für die Planetare Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. Auf dem Ökohof Fleckenbühl im Landkreis Marburg-Biedenkopf beispielsweise, werden seit über 30 Jahren Menschen mit Suchterfahrungen aktiv in landwirtschaftliche Arbeit eingebunden, können so einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen und Gemeinschaft auf dem Hof erleben. Der Ackerbau erfolgt nach den biologisch-dynamischen Richtlinien der Demeter-Zertifizierung, die geschlossene betriebliche Kreisläufe, die Förderung von Bodenfruchtbarkeit und den Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide in den Fokus stellen und sich somit auch an den Planetaren Grenzen orientieren (Die Fleckenbühler 2026).

6.2 Mesoebene

Die Mesoebene befasst sich mit der Ausgestaltung der Verpflegung in sozialen Einrichtungen und Organisationen. In Kitas, Schulen, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, stationären Wohnformen, aber auch Nachbarschaftstreffs werden täglich Menschen mit Essen versorgt. Da täglich 16 Millionen Menschen in Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung versorgt werden (BMLEH 2025a), hat diese Ebene einen großen Einfluss auf die Planetare Gesundheit. Entscheidend ist dabei vor allem, welches Essen angeboten wird, wie es hergestellt wurde und wie viel weggeworfen wird. Häufig nehmen tierische Produkte noch immer einen zu hohen Anteil in der Speiseplangestaltung ein. Eine Umstellung auf eine Verpflegung, die der PHD oder den Empfehlungen der DGE entsprechen, kann einerseits einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der ökologischen Krisen leisten und stellt gleichzeitig einen Beitrag zur Gesundheitsförderung der Menschen dar. Für diese Umstellung gibt es verschiedene Ansatzpunkte: von der Reduktion tierischer Produkte und der Umstellung auf pflanzliche Proteinquellen, über den Einkauf möglichst regionaler und biologisch erzeugter Produkte bis zur Reduktion von Lebensmittelabfällen und der Entwicklung neuer Rezepturen (Paritätischer Gesamtverband 2024a). Der Umstellungsprozess stellt soziale Organisationen vor verschiedene praktische Herausforderungen: Die Umsetzung der PHD benötigt in den Küchen zeitliche und personelle Kapazitäten, die Fähigkeit des Küchenpersonals pflanzenbasierte Rezepte zuzubereiten und stellt ggf. weitere Anforderungen an Lagerbedingungen und Küchenausstattung, wenn beispielsweise mehr frisch gekocht werden soll. Die Verfügbarkeit regionaler und biologisch erzeugter Produkte in den benötigten Mengen stellt zudem in manchen Regionen eine Hürde dar. Eines der größten Probleme ist die Refinanzierung der PHD in der Gemeinschaftsverpflegung. Auch wenn beispielsweise die Reduktion von Lebensmittabfällen auch monetäre Einsparung bedeutet und pflanzliche Proteinquellen wie Linsen, Erbsen oder Bohnen nicht zwangsweise teurer sind, sehen sich viele Einrichtungen mit einem zu geringen Tagesbudget konfrontiert. Hinzu kommt, dass die Tagessätze in den letzten Jahren von den Kostenträger:innen nicht entsprechend der Inflation erhöht wurden, was die Träger:innen vor zusätzliche finanzielle Herausforderungen stellt. Besonders mit Blick auf die Mittagsverpflegung von Kitas und Schulen, die häufig über individuelle Beiträge finanziert werden, entsteht das Dilemma, dass eine Erhöhung der Preise wiederum zu Exklusion von sozioökonomisch schlechter ausgestatten Kindern und Jugendlichen führen kann, wodurch auch ethische Fragen im Umstellungsprozess eine Rolle spielen. Mit Blick auf faire Teilhabechancen gilt es deshalb, Hebel für die Umstellung zu finden, die nicht zwangsweise mit höheren Beiträgen gedeckt werden müssen. Um Diskriminierung aufgrund gesundheitlicher Bedarfe, kultureller oder religiöser Überzeugungen zu verhindern, sind Küchen der Gemeinschaftsverpflegung zusätzlich angehalten, diese Bedarfe zu berücksichtigen, um allen eine Teilnahme am gemeinschaftlichen Essen zu ermöglichen (Paritätischer Gesamtverband 2026b). Auch bei der Umstellung der Gemeinschaftsverpflegung stellt sich die Frage nach den Autonomie- und Freiheitsrechten der Individuen, frei wählen zu können, was sie essen möchten. Kritiker:innen der Umstellung auf eine vegetarische oder pflanzenbasierte Gemeinschaftsverpflegung argumentieren beispielsweise, man könne Menschen nicht verbieten, Fleisch zu essen, wenn sie das gerne möchten. Dem gegenüber steht auf der anderen Seite jedoch einerseits die ökologische Verantwortung der Einrichtungen, einen Beitrag zur Planetaren Gesundheit zu leisten und andererseits für die Nutzer:innen der Angebote einen Möglichkeitsrahmen zu schaffen, sich nachhaltig zu ernähren. Einen möglichen Umgang mit diesem Dilemma kann ein partizipativ gestalteter Umstellungsprozess ein: Menschen über die ökologischen und gesundheitlichen Zusammenhänge der Ernährung aufzuklären, nach favorisierten pflanzlichen Gerichten zu fragen oder bei Verkostungsaktionen ihre Meinungen einzuholen und Neugierde zu wecken, kann die Akzeptanz erhöhen. Der Ansatz des Green Nudging kann zusätzlich die Wahl eines gesunden und nachhaltigen Gerichts erleichtern, ohne zu paternalistisch und absolut zu sein. Durch kleine psychologische Anstöße (Nudges) wird Menschen die Wahl einer klima- und umweltbewussten Alternative erleichtert (Rumler/Wagner 2025). Im Falle der Gemeinschaftsverpflegung könnte beispielsweise das nachhaltigen Gericht an erster Stelle im Menü stehen, dessen ökologischer und gesundheitlicher Mehrwert kenntlich gemacht werden oder als Vorauswahl gesetzt sein. Menschen hätten dann nach wie vor die Möglichkeit, Fleisch zu essen, müssten das aber bewusst auswählen und bestellen.

Wie die Produktion und der Konsum einer nachhaltigen Ernährung in der Praxis Sozialer Arbeit aussehen können, zeigt beispielsweise die Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Wergo GmbH in Berlin. Seit 2023 wird gemeinsam mit der Zielgruppe des Trägers Gemüse regional angebaut, geerntet, Wissen vermittelt, Rezepte entwickelt und regionale, pflanzliche Speisen in der öffentlichen Kantine angeboten. Um den Mitarbeitenden und Menschen des Sozialraums, die die Kantine nutzen, auch das Mitnehmen der Speisen nachhaltig zu ermöglichen, nutzt die Kantine zudem ein Mehrwegpfandsystem, um Verpackungsabfälle zu reduzieren (Paritätischer Gesamtverband 2024b).

6.3 Makroebene

Die Makroebene zielt auf eine Veränderung gesamtgesellschaftlicher Strukturen, politischer Gesetzgebung und ökonomischer Rahmenbedingungen. Um allen Menschen Zugang zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung zu ermöglichen und dabei die Planetaren Grenzen zu schützen, gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte für die Soziale Arbeit.

6.3.1 Klimagesunde Ernährung für Privatpersonen erleichtern

Ein wichtiger Hebel, um Menschen eine nachhaltige Ernährung zu ermöglichen, ist der Einsatz gegen (Ernährungs-)Armut. Ein sozialer Ausgleich in Form von höheren Löhnen, Renten und Sozialleistungen stattet betroffene Personen mit notwendigen materiellen Ressourcen aus, um sich eine gesunde und nachhaltige Ernährung leisten zu können. Der Paritätische Gesamtverband fordert in seinen ernährungspolitischen Positionen (2026c) deshalb eine Anpassung des Bedarfsermittlungsverfahren in der Regelsatzbestimmung für Grundsicherungsleistungen (SGB XII, II und AsylbLG), eine Abschaffung der Bezahlkarte für Menschen im Asylbewerberleistungsbezug sowie eine beitragsfreie Mittagsverpflegung in Kitas und Schulen für alle. Um Menschen mit besonderen Ernährungsbedarfen wegen chronischer Erkrankungen soziale Gerechtigkeit und Teilhabe zu gewährleisten, fordert der Verband darüber hinaus eine Kostenübernahme durch die Krankenversicherungen für therapeutisch notwendige Diäten und für Ernährungstherapie sowie die Möglichkeit, entstandene Mehrkosten bei der Einkommenssteuererklärung als außergewöhnliche Belastungen abzusetzen. Weitere Vorschläge beziehen sich auf den Ausbau von Prävention und Gesundheitsförderung, beispielsweise die Förderung von Ernährungskompetenzen durch Bildungsangebote, die Förderung gesunder Konsumentscheidungen durch Kampagnen, Qualitätssiegel, Bildungsangebote und Nudging sowie eine niedrigschwellige, frühzeitige Beratung zu ernährungsbedingten Erkrankungen. Darüber hinaus würden beispielsweise die Einführung einer Zuckersteuer oder ein Werbeverbot von Süßigkeiten für Kinder die Wahl einer gesunden Alternative erleichtern (Paritätischer Gesamtverband 2026b).

Die Lebenshilfe Leer verbindet in ihrem Projekt ‚Gutes x 3 – ins Glas statt in die Tonne‘ die Grundwerte der gesellschaftlichen Teilhabe und der Planetaren Gesundheit. Gemeinsam mit den Multi-Verbrauchermärkten in Emden und Leer retten die Mitarbeitenden der Mensaküche, in der auch zehn Personen mit Beeinträchtigung beschäftigt sind, reifes Obst und Gemüse in den Märkten, das nicht mehr verkauft werden kann. Das inklusive Team bereitet saisonale Chutneys, Aufstriche und Soßen zu, die anschließend von den Kund:innen der Multi-Verbrauchermärkte erworben werden können (Paritätischer Gesamtverband 2024b).

6.3.2 Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung verbessern

Wie bereits dargestellt ist die Umstellung auf eine nachhaltige Gemeinschaftsver-pflegung in sozialen Organisationen durch die Rahmenbedingungen erschwert. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) fordert deshalb in ihrem Forderungspapier ‚Transformation zur Klimaneutralität in der Freien Wohlfahrtspflege ermöglichen‘ eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, um einerseits das Potenzial der Emissionsreduktion in der Gemeinschaftsverpflegung zu nutzen und andererseits die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen in sozialen Einrichtungen zu fördern. Konkret fordern die Wohlfahrtsverbände eine Ausstattung des Verpflegungsbudgets, das mindestens die Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards ermöglicht. Im Sinne der Einhaltung Planetarer Grenzen und des Biodiversitätsschutzes soll zudem vermehrt der Einkauf ökologisch produzierter Lebensmittel realisierbar sein. Mögliche (Mehr-)Kosten im Gesundheits- und Sozialwesen soll im Sinne einer allgemeinen Gesundheitsprävention öffentlich finanziert sein. Sollten Kosten an die Klient:innen weitergegeben werden, müsse dies sozial ausgewogen geschehen, so die BAGFW (2024). Da nicht ausschließlich die Refinanzierung die Herausforderung für den Umstellungsprozess darstellt, sondern auch die fehlenden zeitlichen und personellen Kapazitäten, fordert der Paritätische Gesamtverband in seiner ernährungspolitischen Positionierung zudem eine beitragsfreie Prozessbegleitung durch eine:n Expert:in von mindestens sechs Monaten. Zudem weist der Verband auch auf entstehende Mehrkosten aufgrund spezifischer Ernährungsbed-arfe der Nutzer:innen hin und fordert auch hierfür die notwendige Refinanzierung durch öffentliche Mittel (Paritätischer Gesamtverband 2026c). Im Projekt ‚Nachhaltig satt: Ressourceneffizient verpflegen in der Sozialen Arbeit‘ begleitet der Paritätische Gesamtverband selbst bundesweit 30 Kindertageseinrichtungen und Schulen in genau diesem Umstellungsprozess und ermöglicht allen weiteren interessierten Einrichtungen in niedrigschwelligen Onlineveranstaltungen und durch Materialen wie Kochbüchern und Video-Tutorials Impulse für die eigene Praxis mitzunehmen (Paritätischer Gesamtverband 2026a).

6.3.3 Ressourcenschonendes Ernährungssystem einfordern

Ein ressourcenschonendes Ernährungssystem nimmt die gesamte Wertschöpfungskette von der Lebensmittelproduktion bis zu Verbrauch und Entsorgung in den Blick. Besonders auch die unnötige Verschwendung von Lebensmitteln trägt zur Ressourcenverschwendung und weiteren Treibhausgasemissionen durch die Erzeugung, Transport, Lagerung, Verpackung und Entsorgung bei. In Deutschland landen pro Jahr 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittel (Stand 2022) im Müll (BMLEH 2025c). In Anbetracht der Situation, dass weltweit rund 733 Millionen Menschen an Hunger leiden (Welthungerhilfe 2025), sollte die Reduktion von Lebensmittelabfällen auch aus sozialen und ethischen Gründen verfolgt werden.

Im Ernährungssystem gibt es eine Vielzahl an Aspekten, die Soziale Arbeit auf Grundlage der Prinzipien der Gerechtigkeit, Teilhabe, Menschenrechte und Planetaren Gesundheit adressieren kann: Abhängigkeitsverhältnisse der Kleinbauern und -bäuerinnen im Globalen Süden, globale Nutzungskonflikte rund um Wasser, Umgang mit schädlichen Düngemitteln, Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter:innen in Deutschland, Lebensmittelspekulationen, Monopolstellung einzelner großer Einzelhandelsketten, u. v. m. Um die sozialen, gesundheitlichen und Umweltfolgen des Ernährungssystems in Deutschland in den Fokus zu rücken, erarbeiten verschiedene Akteur:innen der Zivilgesellschaft (Diakonie Deutschland, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, Paritätischer Gesamtverband, Bundesverband der Verbraucherzentrale und Agrarbündnis) gemeinsam mit dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bis Anfang 2027 einen Bericht über die versteckten Kosten des Ernährungssystems in Deutschland. Ziel ist es, aufbauend auf einer Analyse des aktuellen Systems Vorschläge für veränderte Rahmenbedingungen des Ernährungssystems zu entwickeln, „die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen, die Gesundheit der Bevölkerung fördern, soziale Teilhabe und gemeinschaftliches Handeln stärken, Ökosysteme schützen und damit langfristig Nahrungsmittelsicherheit gewährleisten“ (Diakonie Deutschland 2026).

Eine große Organisation, die einen wichtigen Beitrag zum Sozial- und Ernährungssystem in Deutschland leistet, sind die Tafeln mit ihren rum 980 Standorten. Als gemeinnütziger Verein mit 77.000 vor allem ehrenamtlich engagierten Menschen, verteilen sie (neben anderen Angeboten) aussortierte Lebensmittel an rund 1,5 Millionen armutsbetroffene Personen. Damit schließen sie einerseits eine Lücke des Sozialsystems, das die Nahrungsbedarfe einkommensschwacher Haushalte nicht ausreichend deckt und weisen andererseits auf das Problem der Lebensmittelverschwendung im Ernährungssystem hin. Gleichzeitig gestalten sie Orte der Begegnung, des Engagements und Miteinanders (Tafel Deutschland 2026).

Fazit

Planetary Health erweist sich für die Soziale Arbeit als ein normativer Orientierungsrahmen, der soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und ökologische Verantwortung miteinander verschränkt. Am Beispiel Ernährung wird deutlich, dass es nicht genügt, individuelles Essverhalten zu adressieren; vielmehr müssen die sozialen, institutionellen und politischen Bedingungen in den Blick genommen werden, unter denen Ernährung überhaupt möglich ist. Ernährungsarmut verweist dabei auf strukturelle Ungleichheit, weil gesunde und nachhaltige Ernährung für viele Menschen nicht am Wissen, sondern an Einkommen, Zugang und Refinanzierung scheitert. Zugleich zeigt die Gemeinschaftsverpflegung, dass Ernährung immer auch eine Frage von Teilhabe ist: Wer nicht an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen kann, ist nicht nur materiell benachteiligt, sondern von sozialer Teilhabe ausgeschlossen.

Aus ethischer Perspektive folgt daraus ein doppelter Auftrag für die Soziale Arbeit. Sie muss erstens im Alltag dafür eintreten, dass Verpflegung in Kitas, Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe, Pflege, Eingliederungshilfe oder Unterkünften gesund, kultursensibel, bezahlbar und partizipativ gestaltet wird. Zweitens ist sie gefordert, politische Rahmenbedingungen zu benennen, die Ernährungsarmut hervorbringen oder verstärken, und sich für armutsfeste Leistungen, eine verlässliche Finanzierung der Gemeinschaftsverpflegung und eine gerechte Ernährungswende einzusetzen. Planetary Health wird so nicht zu einem zusätzlichen moralischen Anspruch an Einzelne, sondern zu einem sozialpolitischen Leitprinzip, das die Ermöglichung guter Ernährung für alle mit dem Schutz der planetaren Lebensgrundlagen verbindet. Gerade darin liegt seine Bedeutung für eine professionelle Ethik Sozialer Arbeit: Gesundheit, Teilhabe und Nachhaltigkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen gemeinsam gedacht und praktisch umgesetzt werden.

Literaturverzeichnis

Weitere Artikel dieser Ausgabe

  • Theresia Wintergerst (Würzburg)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
    Planetary Health

    In Landschaften leben. Normative Anforderungen an Soziale Arbeit

    Abstract Ausgehend von den Herausforderungen der Landnutzung im Klimawandel erkundet der Beitrag soziale Prozesse der Landnutzung im Klimawandel und erörtert die Kompetenz, in Landschaften denken zu können und sich mit Landschaften verbinden zu können. Dabei wird von Landschaft als Kulturlandschaft ausgegangen, deren Gestaltung politischen Prozessen unterliegt. Der Beitrag stellt Bezüge zur Sozialen Arbeit mit ihrem Paradigma „Person – in – Environment (PIE)“ her. Einrichtungen Sozialer Arbeit sollen sich ihrer landschaftlichen Situiertheit bewusst sein und ihr Handeln darauf ausrichten. Dazu gehört ein Bewusstsein über die politischen Landnutzungskon-flikte im Klimawandel. Ernährung und Erlebnispädagogik sind konkrete Handlungsfelder, in denen sich die verantwortliche Situiertheit in Landschaften zeigt.

  • Silke Gülker (Berlin)

    12 Jg. (2026) Ausgabe 1
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    Editorial

    Abstract Dieser Sommer 2026 ist ein neuer Sommer der Extreme: der heißeste Juni in Westeuropa, der je gemessen wurde; der Pegelstand des Rheins ist stellenweise so niedrig wie noch nie; Waldbrände historischen Ausmaßes in Frankreich, Spanien und Griechenland sind zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Heftes noch nicht unter Kontrolle.
    Dass der Klimawandel Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat, können heute nur noch die Wenigsten übersehen. Immer neue Hitzerekorde fordern buchstäblich Opfer, in der Statistik werden sie als Hitzetote geführt. Neben Hitzewellen bergen Brände und Hochwasser Risiken für Leib und Leben. Weniger im unmittelbaren Lichte der Öffentlichkeit führen klimatische Bedingungen außerdem zu einem Anstieg von Infektionskrankheiten, zu Ernährungsunsicherheiten in vielen Regionen der Welt und zu einer Reihe von psychischen Erkrankungen. Auch soziale Konflikte und Zukunftsängste gefährden Gesundheit.
    Die aktuelle Ausgabe des EthikJournals macht solche Zusammenhänge zwischen planetarer und menschlicher Gesundheit aus ethischer Perspektive zum Thema und fragt nach deren Bedeutung für die Praxis sozialer Professionen.